Kein Retro
Ungewöhnlich ist es ja schon, dass hier - entgegen dem Klischee - ausgerechnet ein Vertreter der älteren Generation dem kühlen Charme des XF erlegen ist. Einer, der den neuen Jaguar und seinen "Cool Britannia"-Look eigentlich als übertrieben modernen Schnickschnack verdammen sollte. Und die konservativsten Hardliner unter den Jaguar-Fans werden denn auch wahrscheinlich ablehnend auf den progressiven Innenraum reagieren. Das weiß auch Alister Whelan, seines Zeichens Innenraumdesigner bei Jaguar. Trotzdem zählt er ein Who-is-Who der britischen Klassiker auf, wenn er von den Inspirationsquellen bei der XF-Entwicklung spricht. Der breite Chromgrill: eine Hommage an den ersten XJ6. Die Linien und die schmalen Leuchten des Hecks: Das soll an die Coupéversion des E-Type erinnern. Allerdings: Im Gegensatz zu diesen Design-Ikonen ist der neue Jaguar kein Auto, in das ich mich Hals über Kopf verliebe. An den Look des XF muss man sich gewöhnen, ihn in Bewegung und von allen Seiten sehen.
Souveräne Leistung
Fest steht aber, dass das XF-Design in dieser Klasse heraussticht. Gerade im Vergleich zu den eher sachlich gezeichneten Alternativen aus deutschen Landen - etwa 5er BMW oder Audi A6 - hebt sich der Jaguar XF mit seiner kraftvoll eleganten Form merklich ab. Wie um diesen Eindruck zu untermauern, liefert Whelan auch gleich die passende Anekdote: Rein zufällig habe man während der Entwicklung festgestellt, dass die Winkel von Front- und Heckscheibe in der Seitenansicht bei XF und dem Sportcoupé XK identisch sind. Und tatsächlich: In einigen Ansichten erinnert die Luxuslimousine entfernt an den sportlichen Stallgefährten mit der langen Schnauze und dem kurzen Heck. Für zusätzliche Sportoptik sorgen bei meinem Testwagen die massiven 20-Zoll-Alufelgen. Zusammen mit dem "SV8"-Schriftzug am Heck sind sie übrigens der einzige optische Hinweis darauf, dass ich mit der derzeitigen Top-Motorisierung die Serpentinenstraßen der Riviera unsicher mache - die XF-R-Sportversion mit geschätzten 500 PS will Jaguar zu einem späteren Zeitpunkt nachreichen. Aber warum eigentlich? Das "S" steht nämlich für "Supercharged" - der 4,2-Liter-V8 wird also von einem Kompressor zwangsbeatmet. Genau wie im XKR leistet also schon diese Ausbaustufe des Motors stramme 416 PS. Damit sprintet die britische Raubkatze in 5,6 Sekunden auf 100 km/h und rennt bei 250 Sachen in den elektronischen Begrenzer.
Einfach nur schnell
Motorisch ist das mehr als genug, um aus Jaguars Schlagwort vom "Sports Saloon" keine hohle Phrase werden zu lassen. Der große V8 hängt sehr gut am Gas und beherrscht die 1,8 Tonnen des XF jederzeit souverän. Da - ganz entgegen dem Klischee - inzwischen auch bei Jaguar die moderne Elektronik Einzug gehalten hat, passe ich mit zwei unauffälligen Tasten auf der stylischen Mittelkonsole den Wagen meiner aktuellen Fahrlaune an. Da ist zum einen der Drücker mit der karierten Flagge. Der schaltet das adaptive Fahrwerk "CATS" in den Sportmodus und stellt den Wagen generell auf Sport ein: Die Gasannahme wird direkter, das ESP schreitet später ein und der Motor lässt sich höher drehen. Besonders cool: Wenn ich zudem noch die Automatik mit dem Drehwähler von "D" auf "S" schalte, bin ich alleine für die Gangwechsel zuständig. Sprich: Ich kann den Motor bis in den Begrenzer drehen, ohne dass die Automatik sich einmischt. Erst ein Zug am rechten Schaltpaddel legt die nächste Fahrstufe ein.
Der Edelmann als Rabauke
Als letzte Sportmaßnahme bleibt schließlich noch die DSC-Taste. Mit der schalte ich das Jaguar-ESP restlos ab, falls ich - wenig Gentleman-like - mit qualmenden Reifen aus der Kurve herausbeschleunigen will. Auch diese Art der Fortbewegung beherrscht der XF, allerdings ist dies nicht seine bevorzugte Gangart. Die Elektronik analysiert nämlich kontinuierlich meinen Fahrstil und passt die variablen Dämpfer entsprechend an. Und dafür muss ich mich nicht durch zig Untermenüs klicken oder Handbücher im Telefonbuchformat studieren. Wie ein guter Butler arbeitet der Jaguar fleißig im Hintergrund, und ich erfreue mich am Resultat. Und das ist ebenso beeindruckend wie simpel: Auf Wunsch geht es im XF SV8 brutal schnell voran. Die Quittung für so viel Spaß gibt's wie immer an der Tankstelle: Nach einigen schnellen Kurvenjagden zeigt der Bordcomputer einen Schnitt von rund 20 Liter pro 100 Kilometer.
Gentleman-Raser
Wie es sich für einen Jaguar gehört, dringt selbst während der pubertärsten Fahrmanöver nie mehr als ein angenehmes Donnergrollen vom Motor- in den Innenraum. Und ja: Die coole Nachtbeleuchtung in eisigem Blau dürfte nicht jedermanns Sache sein, trotzdem bietet aber auch der XF den typischen Jaguar-Mix aus Bequemlichkeit und Sportlichkeit. Die Designer haben tatsächlich Recht: Man sitzt im XF, nicht auf ihm. Diesen Eindruck verstärkt das nach unten gezogene Armaturenbrett, das mit einem Materialmix aus vernähtem Leder und kühlem Aluminium für ein edles Ambiente sorgt. Nicht ganz so edel sind lediglich die Lenkstockhebel, die zum einen mit Drehreglern überfrachtet sind und sich zum anderen für dieses Umfeld einen Tick zu billig anfühlen. Geschmacksache hingegen sind die Hochglanzpanele aus Eichenholz auf der Mittelkonsole und am Instrumentenbrett. Die Ledersessel schließlich lassen sich dank zahlreicher Stellmotoren in fast jede beliebige Position bringen. Obwohl sie nicht so aussehen, bieten sie auch bei schneller Fahrt ausreichend Seitenhalt. Entgegen dem aktuellen Trend ist übrigens die Motorhaube vom Fahrersitz aus einsehbar. Das sorgt für gute Übersicht nach vorne. Hinten ist die weniger rosig, denn das Heckfenster ist erstens zu klein und die dritte Bremsleuchte beschneidet mir das Sichtfeld zusätzlich.
Innovationen im Inneren
Technisches Gimmick: die berührungslose Bedienung von Handschuhfach und Innenbeleuchtung. Beide funktionieren tadellos und tragen zum edlen Lounge-Feeling bei. Ganz konventionell über Tasten in der Mittelkonsole laufen dagegen die Steuerungen der serienmäßigen Klimaautomatik und der Grundfunktionen des Audiosystems. Zusätzliche Features wie die Sitzheizung und -belüftung lassen sich allerdings nur über den zentralen Touchscreen steuern. Das sorgt zwar für ein aufgeräumtes Armaturenbrett, ist aber keine perfekte Lösung: Einerseits lenkt der Blick auf den Monitor beim Fahren zu sehr ab, und andererseits reagiert der Bildschirm auf die Kommandos eine Spur zu träge.
Alternativen
Übrigens: Wer die gut 80.000 Euro für den SV8 gerade nicht flüssig hat, der muss nicht verzweifeln. Am unteren Ende der Preisskala etwa bietet Jaguar den 2,7-Liter Diesel-V6 mit Twin Turbo an. Der kostet in üppiger Basisausstattung knapp unter 50.000 Euro und überzeugt im Fahrbetrieb durch ultraleisen Motorlauf, kräftigen Durchzug und moderaten Verbrauch. Das CATS-Fahrwerk bleibt zwar dem Topmodell vorbehalten, aber auch das Diesel-Chassis hinterlässt auf Autobahn und Landstraße einen kompetenten Eindruck. Zudem passt die entspannte Motorcharakteristik gut zum XF und macht aus ihm einen exzellenten Langstreckentourer.
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