Jaguar XJ: Zum Sprung bereit

Jaguar XJ: Zum Sprung bereit
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Mit Herz und Verstand

Jaguar: Schnell, komfortabel, luxuriös, elitär - etwas für Autoenthusiasten mit viel Herzblut. Leidenschaft wörtlich genommen. Der Ruf der britischen Raubkatze ist in Deutschland dank früherer Mängelhäufungen reichlich angekratzt, auch wenn die Fakten von ADAC und Tüv inzwischen von rascher Gesundung der Technik künden. Um so erstaunlicher, dass die Strahlkraft der englischen Nobelmarke den Schlendrian der Vergangenheit überstanden hat. Noch immer zaubert der Name Jaguar ein sehnsuchtsvolles Leuchten in die Augen großer und kleiner Autofans. Mit dem neuen Jaguar XJ wollen die Briten endlich auch wieder rationale Gründe liefern, mit der Katze auf Pirsch zu gehen.

Technik pur

Die neue, siebte XJ-Generation ist eine Revolution: Luftfederung, innovative Fahrwerks- und Sicherheitstechnik und eine komplett aus Aluminium gefertigte Karosserie machen in diesen Tagen die Markteinführung zum Paukenschlag. Im Gegensatz zum Audi A8 besteht die Karosserie des Engländers nicht aus einer Aluminium-Rahmenkonstruktion mit Leichtmetallbeplankung. Die selbst tragende Konstruktion des XJ kommt ohne Stützkorsett aus. Ergebnis: 200 Kilogramm weniger Gewicht - leichter als alle Mitbewerber - und eine um 60 Prozent verbesserte Steifigkeit. Für die Montage vertraut Jaguar auf ein aus der Raumfahrt bekanntes Prinzip: 3.200 Nieten und spezielle Klebstoffe halten die Luxuslimousine zusammen. Offensichtlich ist die Konstruktion so solide und reparaturfreundlich, dass der Jaguar XJ bei der Vollkasko-Versicherung je nach Modellversion rund fünf Kaskoklassen niedriger eingestuft wird, als die übermächtige Konkurrenz Mercedes S-Klasse, 7er BMW und Audi A8. Im Geldbeutel macht das bis zu 5.000 Euro aus - je nach Modell sind das immerhin fünf bis zehn Prozent des Kaufpreises.

Kraft im Überfluss

Basismodell ist der XJ 3.0 V6 mit 238 PS (175 kW), gefolgt von einem 3,5-Liter-V8 mit 258 PS (190 kW) und einem 4,2-Liter-V8 mit 298 PS (219 kW). Mit Kompressor-Aufladung mutiert der große V8 zum Porsche-Jäger: 395 PS (291 kW) katapultieren den 1,6-Tonner in 5,3 Sekunden auf Tempo 100, die Höchstgeschwindigkeit ist auf 250 km/h begrenzt. Dank des geringen Gewichts gehört selbst der "kleine" Sechszylinder mit 8,1 Sekunden und 233 km/h Spitze zu den Schnellen im Lande. Durchschnittsverbrauch: 10,5 Liter - 1,2 Liter weniger, als der Vorgänger verbrauchte.

Maßanzug für den Gentleman

Für einen ersten Fahreindruck stand uns der 3,5-Liter-Achtzylinder zur Verfügung. Die Sitzprobe zeigt, dass der neue XJ trotz ähnlicher Linienführung mit deutlich besseren Platzverhältnissen (plus 40 Prozent) glänzt. Fühlte sich der Vorgänger noch wie ein zu enger Handschuh an, erreicht die Neuauflage mit 5,09 m Länge Oberklasse-Gardemaß. Auch der Kofferraum ist auf 470 Liter gewachsen - 25 Prozent mehr als bisher. Trotzdem liegt der XJ damit am unteren Ende der Skala. Absolut top ist dafür die Sitzposition. Je nach Modellversion lassen sich die Vordersitze bis zu 16-fach elektrisch einstellen. Kopfstützen, Sitzfläche, Lordosenstütze - überall summt ein Elektromotor. Gleiches gilt für das Holz-Leder-Lenkrad und - Überraschung - die Pedalerie. Das macht beim ersten Mal zwar etwas Mühe, dafür passt der Jaguar dann wie angegossen.

Auf Beutezug

Gentleman, start the Engine. Kaum hörbar versammeln sich 258 Pferdestärken. Beim Losfahren löst sich automatisch die ansonsten per Knopfdruck bedienbare elektrische Parkbremse. Bei der Kraftübertragung vertrauen die Briten auf Made in Germany und setzen ein Sechsgang-Automatikgetriebe von ZF ein, das mit butterweichen Schaltvorgängen glänzt. Leichtfüßig geht die Raubkatze in den engen Gassen der Dörfer rund um Potsdam auf Erkundungstour. Gierig lauert der XJ auf minimale Lenkradbewegungen. Trotz dieser sportlichen Auslegung gleitet der Jaguar auf sanften Pfoten über derbes Kopfsteinpflaster. Erst auf der Landstraße zeigt die Luftfederung kleine Schwächen: Mehrere kurz aufeinander folgende Bodenwellen lassen die Limousine recht trocken einfedern. Hier übertreibt es die adaptive Fahrwerksauslegung (CATS) mit der Sportlichkeit. Auf der Autobahn fühlt man sich dagegen noch bei 200 km/h wie auf Omas Wohnzimmersofa.

Wie Schmidts Katze

Beeindruckend, wie der V8 noch bei 180 km/h anschiebt. Leise, souverän - durstig. Wird das Leistungspotenzial voll genutzt, verputzt das rassige Kätzchen statt der im Normverbrauch angegebenen 10,9 Liter schon mal 15 und mehr Liter Super. Geht es dann der Höchstgeschwindigkeit von 242 km/h entgegen, reagiert der Hecktriebler zudem sensibel auf Seitenwind und Spurrillen. Von Windgeräuschen oder gar Motorenlärm ist dagegen nur wenig zu hören. Die Gedanken schweifen zur Sicherheitsausstattung. Natürlich ist das Fahrwerk mit ESP und anderen Helfern komplett elektronisch überwacht. Neben einer umfassenden Airbag-Versorgung glänzt der XJ mit einem Überwachungssystem (A.R.T.S), das bei der Auslösung der Luftsäcke die Sitzposition der vorderen Passagiere berücksichtigt. Beugt sich jemand just im Moment der Kollision nach vorne, werden die vorderen Airbags nicht komplett aufgeblasen, um Verletzungen zu verhindern.

Der sportlichste Salon Englands

Die Innenausstattung präsentiert sich mit weichem Leder und Verkleidungen aus echtem Wurzelholz "very british". Navigationssystem, 4-Zonen-Klimaanlage, Soundsystem und Telefon können über einen Touchscreen in der Mittelkonsole bedient werden. Seine großen Bildschirmsymbole lassen keine Zweifel an den einzelnen Funktionen aufkommen, entsprechend leicht ist die Handhabung. Der Komfort lässt sich mit DVD-Multimedia, zwei einzelnen Sitzplätzen statt einer Rückbank und einigem mehr fast beliebig auf die Spitze treiben. Insofern ist auch der Preis von 95.000 € für das Topmodell 4.2 Kompressor nur eine theoretische Größe, die sich leicht nach oben korrigieren lässt.

Fazit: Evolution und Revolution. Der neue Jaguar XJ ist eine durch und durch moderne Konstruktion. Dennoch gelingt der siebten Modellgeneration seit 1968 der Brückenschlag zur legendären Vergangenheit.

(07/03) planbar, Holger Schilp

 
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