Defender 90 SW: unverwüstliches Original
Einer hält durchDie Ente ist tot, der Käfer, aus und vorbei, und der Mini hat mit seinem Urahn nur noch den Namen gemeinsam. Einzig der Land Rover Defender trotzt seit über 50 Jahren der Zeit, als sei er mit ewigem Leben gesegnet. Über 75 Prozent aller jemals gebauten Defender sind noch im Einsatz. Ähnliches gibt es normalerweise nur von automobilen Ikonen aus dem Hause
Porsche, Ferrari oder Rolls Royce zu vermelden. Allerdings fristen die Nobelklassiker ihr Dasein nicht als Arbeitstier in Matsch, Geröll oder eisiger Kälte.
Einer wie keinerKastenrahmen, Aluminiumkarosserie und Allradantrieb - das Prinzip Defender bleibt auch im Modelljahr 2004 unverändert. Veränderungen werden bei dem knorrigen Briten nur akzeptiert, wenn es dem Vorankommen dient. So findet sich unter der kantigen Haube ein moderner Turbodiesel mit Pumpe-Düse-Direkteinspritzung. Selbst ABS und eine elektronische Traktionskontrolle sind verfügbar - optional, versteht sich. Wie ein Mahnmal gegen den Fortschrittsgeist ragt der Defender mit seiner über zwei Meter hohen Karosserie aus der Menge vom Windkanal rund gelutschter Limousinen, Vans und Pseudo-Geländewagen, neudeutsch SUV genannt. Sein Kleid: ein zweckmäßiger Überwurf, mit Nieten sichtbar in Form gebracht. Ausgestellte Kotflügel und massive Fahrwerksteile, die 122 PS (90 kW) zu den schallplattendünnen Reifen auf 16-Zoll-Stahlblechfelgen weiterleiten, lassen keinen Zweifel: Hier kommt einer, der sich vor keiner Aufgabe drückt.
Zeitmaschine auf RädernSteil ragt die Windschutzscheibe vor den Passagieren empor. Die Suche nach dem Lichtschalter endet bei einem flachen Hebel hinter dem dicken Lenkradkranz, der einfach nach unten gedrückt wird. Und auch die Heizungsbetätigung ist mit den zwei senkrecht angeordneten Scheibenreglern ein Ausflug in die Vergangenheit. Der Innenraum wird zudem über zwei Blechklappen unter der Frontscheibe belüftet. Hinten sind vier einzelne Rücksitze längs zur Fahrtrichtung angeordnet. Sie lassen sich hochklappen und sind, entgegen erster Befürchtungen, halbwegs bequem. Wichtiger ist jedoch, dass diese ungewöhnliche Bestuhlung einen Stauraum von 92,5 cm Breite, 114 cm Länge und 117 cm Höhe ermöglicht. Und das bei einer Gesamtlänge von 3,83 Metern. Jeder VW Polo ist länger. Das hilft im Gelände und im Stadtverkehr gleichermaßen.
Wenn es dem Zweck dientBreite Schultern haben im Defender unvermeidlich Kontakt zur Seitentür. Auch die Pedale sind nach außen gerückt, um Platz zu schaffen für den breiten Getriebetunnel. Spindeldürr, aber perfekt in Höhe des Lenkrads positioniert, ragt der Schaltknüppel der Fünfgangbox empor. Daneben: der kleine Hebel für die Geländeuntersetzung und das sperrbare Zentraldifferenzial. Das Zündschloss links neben der Lenksäule weckt einen kraftvollen Fünfzylinder-Turbodiesel, der nicht nur akustisch an einen Lastwagen erinnert. Auch an Durchzugskraft herrscht kein Mangel. Unter normalen Bedingungen genehmigt sich das Triebwerk zehn bis zwölf Liter je 100 Kilometer. Bei Bedarf nimmt der Defender bis zu drei Tonnen an den Haken.
Kaum zu stoppenAn der Ampel ermöglicht die Übersetzung einen zügigen Antritt, auf der Autobahn schwimmt der Defender locker mit maximal 130 km/h im Verkehrsgewühl mit. Doch Fahrleistungen spielen keine große Rolle. Ankommen ist, was zählt. Und hier kann der Altmeister der jugendlichen Konkurrenz locker die Stirn bieten. Fast 23 Zentimeter Bodenfreiheit, kurze Karosserieüberhänge vorne und hinten sowie ein kurzer Radstand ermöglichen Klettertouren, die Ungeübten auch im Winter Schweißperlen auf die Stirn treibt. Steigungen von 45 Grad (100 Prozent) ermöglichen nur noch den Blick in den Himmel. Gefälle von gleichem Kaliber schleicht der Defender im Kriechgang ebenfalls sicher hinab. Zu Fuß hat man hier bereits erhebliche Schwierigkeiten.
Fazit: Der Defender 90 SW ist Funktionalität pur. Und genau das macht seine Faszination aus. Hier ist einer, der keine Kompromisse macht. Entweder man verliebt sich sofort in den knorrigen Briten, dann spielen auch kalte Füße im Winter keine Rolle, oder man wird sich wohl nie mit ihm anfreunden können.
planbar.de, Holger Schilp