Scénic 1.9 dCi: Der etwas andere Familienfreund
Der Renault Scénic ist ein Typ mit Ecken und Kanten: Design und Detaillösungen zeugen vom Anspruch der Franzosen, besondere Autos zu bauen. Im Praxistest: Der Scénic 1.9 dCi Confort.
IndividualistKein Zweifel, ein Renault. Wie alle anderen Vertreter der Mégane Modellfamilie verfügt auch der Kompaktvan Scénic über eine steil stehende Panorama-Heckscheibe, die sich an eine fast senkrecht stehende hintere C-Säule schmiegt. Die Front: aggressiv dreinblickende Scheinwerfer und der kantige Rhombus-Kühlergrill - keine Spur mehr vom Kuscheldesign der ersten Scénic-Generation.
Für die ganze FamilieAn den praktischen Vorzügen hat sich nicht viel geändert. Auf 4,25 m Länge finden fünf Personen gemütlich Platz. Im Stadtverkehr glänzt der Scénic mit ausgeprägter Handlichkeit. Zur Wohlfühl-Atmosphäre tragen beim Testwagen auch die geschmackvoll aufeinander abgestimmten Braun- und Beigetöne des Interieurs bei. Insgesamt bietet der Scénic vier Designlinien und drei Ausstattungsniveaus. Das ändert jedoch nichts daran, dass die Sitzflächen für groß gewachsene Passagiere immer noch etwas kurz geraten sind und die weichen Polster den Körper auf langen Strecken nur unzureichend stützen. Kopfsteinpflaster zeigt, dass auch die Verarbeitungsqualität noch Raum für Verbesserungen lässt.
Innen ganz großIn der zweiten Sitzreihe gibt es reichlich Beinfreiheit. Alle drei Einzelsitze lassen sich längs um 22 Zentimeter verschieben mit wenigen Handgriffen hochklappen - und bei Bedarf ausbauen. So wächst der Stauraum von 430 auf bis zu 1.840 Liter. Das reicht sogar für zwei Mountainbikes. Zum Transport langer Gegenstände lässt sich die Lehne des Beifahrersitzes nach vorn klappen. Wird im Fond nur der mittlere Sitz ausgebaut, können die beiden äußeren Sitze nach innen gerückt werden. Passagiere fühlen sich dann wie in einer Chauffeurslimousine. Auch an Staufächern für Kleinkram herrscht kein Mangel. Zwischen den Vordersitzen steckt eine Jumbo-Box (Serie ab Confort), die locker die Verpflegung für einen ganzen Tagesausflug aufnimmt. Noch mehr Platz bietet der Renault Grand Scénic mit sieben Sitzen und verlängertem Radstand (Aufpreis: 1.000 €).
Kraftvoll und sparsamFast perfekt präsentiert sich das feinfühlige Fahrwerk. Grobe Unebenheiten werden souverän gefiltert, ohne dass die Fahrsicherheit unter dem Schmusekurs leidet. Selbst bei schneller Fahrt klebt der Kompaktvan auf der Straße, als hätte er Pattex auf den Rädern. Unter der Haube des Testwagens steckt ein laufruhiger Vierzylinder-Common-Rail-Diesel mit 120 PS (88 kW). 188 km/h Spitze und ein Spurt auf Tempo 100 in 12,1 Sekunden sind problemlos möglich. Warmgefahren läuft der 1.9 dCi so ruhig wie ein Benziner. Der durchzugsstarke Antrieb lässt sich auch von einer halben Tonne Gepäck an Bord nicht beeindrucken. Im Test überzeugte der Kompaktvan mit Verbrauchswerten zwischen sechs und acht Litern. Weniger gelungen: die elektrische Servolenkung. Sie vermittelt kaum Kontakt zur Straße und folgt leichten Lenkkorrekturen nur zögerlich.
Die Zukunft hat begonnenVor dem Start stellt der Scénic Renault-Neulinge vor einige Rätsel: kein Türschloss, kein Zündschloss und kein Handbremshebel. Zutritt verschafft eine scheckkartengroße Chipkarte. Gestartet wird per Knopfdruck. Die Handbremse löst sich automatisch, sobald die Kupplung Kraft zu den Rädern leitet. Wird der Motor abgestellt, packt die Feststellbremse eigenständig wieder zu. Bei Bedarf funktioniert das auf Knopfdruck auch bei laufendem Triebwerk. Ebenfalls praktisch: der in die Abdeckklappe integrierter Tankdeckel und ein Fahrlicht, das sich bei Dämmerung automatisch einschaltet. Typisch für Renault sind die mittig auf dem Armaturenbrett angebrachten Digitalinstrumente. Geschmackssache, doch man kann sich daran gewöhnen. Warum aber musste dort auch das Bedienteil des Navigationssystems seinen Platz finden? Die Adresseingabe zwingt zu einer wenig entspannten Haltung: Nach vorne beugen und hoffen, dass keine Sonne in den Wagen scheint. Dann nämlich spiegelt das Display derart, dass die Anzeige nur mit Mühe zu entziffern ist. Generell nerven Radio und Navigation bei der Bedienung mit stark verzögerten Reaktionen.
Für die wertvolle FrachtDie große Stunde des Scénic schlägt bei der Sicherheitsausstattung. Im Alltag schafft eine kraftvolle Bremsanlage Vertrauen. Serienmäßig gibt es einen Notbremsassistenten und das Stabilitätsprogramm ESP. Zudem haben Fahrer- und Beifahrerairbag, Seitenairbags vorne und Window-Airbags über die gesamte seitliche Fensterfront im Euro NCAP-Crashtest bereits ihre Wirksamkeit bewiesen. Wie andere Renault Modelle glänzte dort auch der Scénic mit der Bestwertung von fünf Sternen.
Fazit: Der Renault Scénic 1.9 dCi gefällt mit einem kultivierten Turbodiesel und einem durchdachten Gesamtkonzept. Einige Details wie die gewöhnungsbedürftige Servolenkung oder praxisfremd platzierte Bedienelemente trüben allerdings den ansonsten guten Gesamteindruck.
planbar.de, Holger Schilp