Jaguar XJ6 D: Flüsterleiser Star mit 3.000 Nieten
Sechszylinder-Dieselmotoren beherrschen in Deutschland den Markt der Luxuslimousinen. Jaguar musste hier bislang passen. Jetzt kommt der XJ6 D - 207 PS, nobel verpackt.
Dieselboom im OberhausAls der Baby-Jaguar X-Type im Herbst 2003 mit einem Turbodiesel vorgestellt wurde, diskutierte die Fachpresse aufgeregt, ob dies standesgemäß sei. Inzwischen hat die Kundschaft zahlreich Antworten geliefert: über 70 Prozent der Modellreihe werden mit Selbstzünder geordert. Das macht Mut für die Premiere des XJ6 D, in dessen Segment der V6-Diesel auf vergleichbare Zahlen kommt. Für ein erstes Kennenlernen stand die edlere Executive-Version bereit. Preis: ab 62.450 Euro. Lederpolster, 18-Zoll-Alufelgen, ein elektronisch geregeltes Fahrwerk und die 6-Gang-Automatik sind serienmäßig.
Ruhe im SalonDie britische Nobellimousine verwöhnt die Sinne mit hellem Leder und viel edlem Holz. Selbst so exklusive Details wie elektrisch einstellbare Pedale und ein Lenkrad, das sich per Knopfdruck justieren lässt, gehören zur Serienausstattung. Richtiger Luxus eben. Damit unterwegs keine Misstöne aufkommen, wurde der Motor in Watte gepackt. Mit Erfolg. Nur direkt nach dem Start ist etwas Diesel-Gemurmel zu vernehmen, danach herrscht Ruhe. Aktive Motorlager, Lärmschutzverglasung und ein besser abgeschottetes Triebwerk zeigen Wirkung. Laut Jaguar arbeitet die Konkurrenz deutlich geräuschvoller. Manche sind sogar mehr als doppelt so laut, ohne dass dies bei der verwöhnten bislang zu Klagen geführt hätte.
Mit Stil sparenBeim Kickdown scheint das gemeinsam mit PSA Peugeot/Citroen entwickelte 2,7-Liter-V6-Triebwerk kilometerweit entfernt. Kaum mehr als ein kraftvolles Murmeln ist zu hören. Man könnte auch einen V8-Benziner hinter den charakteristischen Doppelscheinwerfern vermuten. Hinweise, dass dem nicht so ist, liefert der Drehzahlmesser: roter Bereich ab 4.600 Umdrehungen. Der Bordcomputer zeigt Verbrauchswerte zwischen acht und zehn Litern. Auch die Schadstoffnorm Euro 4 und der Rußpartikelfilter entlasten das Umweltgewissen. Im Laufe der Testfahrt ertappe ich mich dabei, wie ich das Radio auf Sender mit französischen Chansons oder klassischer Musik einstelle. Ganz gegen sonstige Gewohnheiten. Der XJ6 entspannt ungemein. Und das auch noch jenseits von Tempo 200.
Moderne ZeitenMaximal 224 Stundenkilometer sind möglich. Wer es denn unbedingt wissen will, und sich auf der Landstraße in den Grenzbereich begibt, erfährt das hohe Sicherheitspotenzial des elektronischen Fahrwerks. Doch für den leichtfüßigen Tritt ist die ganze Konstruktion verantwortlich. Aluminiumblech, 3.000 Nieten und viel Spezialkleber - eine Fertigungstechnik ähnlich dem Flugzeugbau - setzen das Luxus-Kätzchen auf Diät. Trotz Allradantrieb bringt die Limousine kaum mehr als 1,7 Tonnen auf die Waage. Damit gehört der XJ6 in der Luxusklasse zu den Leichtgewichten. Entsprechend munter präsentiert sich der Nobel-Brite, obwohl die Leistungswerte eher am unteren Ende der Prestige-Skala angesiedelt sind. Zwei Turbolader ermöglichen 435 Newtonmeter Drehmoment und 207 PS (152 kW). Damit gelingt der Sprint von null auf 100 km/h in 8,6 Sekunden. Allerdings mag man das wegen der dezenten Akustik kaum glauben.
Auf die Wurzeln besinnenFür Jaguar stellt der überarbeitete XJ6 einen Wendepunkt in der Unternehmenskultur dar. Die Strategie sieht vor, "dass wir uns wieder auf das konzentrieren, was wir auch wirklich können und vor allem auf das, was der Kunde von uns erwartet - Luxus", betont Jeffrey L. Scott, Geschäftsführer von Jaguar Deutschland. Damit ist auch die Zukunft des X-Type fraglich. Mit ihm wollte Jaguar ein Massenpublikum erobern. Aus dem wenig rentablen Flottengeschäft hat sich die exklusive Ford-Tochter bereits zurückgezogen. Künftig sollen wieder Privatkunden im Fokus stehen, "sie haben Jaguar schließlich groß gemacht", stellt Scott klar. Dann muss es Jaguar nur noch schaffen, das seit Jahrzehnten ramponierte Qualitätsimage aufzupolieren. Die Chancen dazu stehen gut. Schließlich hat die Nobelmarke in der jüngsten amerikanischen J.D. Power-Verbraucherstudie in der Rubrik "höchste Qualität" den zweiten Platz hinter Lexus erzielt.
Fazit: Jaguar möchte es sich wieder als luxuriöser Nischenhersteller mit kleinen Stückzahlen gemütlich machen. Das könnten allerdings die Kunden verhindern, wenn sie den XJ6 D als echte Alternative zum Audi,
BMW und Mercedes begreifen und zahlreich bestellen. Der neue 2,7-Liter-V6-Twin-Turbo-Diesel bietet dafür beste Voraussetzungen.
mototype.de, Holger Schilp
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