Fahrbericht Harley-Davidson Night Rod
Mittwoch Juli 5
2002, die Revolution: Der Dragster V-Rod ist die erste Harley-Davidson mit dem neuen, von Porsche mitentwickelten V2 als Treibsatz. Wichtigste, ja revolutionäre Merkmale nach Jahrzehnten der luftgekühlten 45-Grad-V2: Wasserkühlung, 60-Grad-Winkel, oben liegende Nockenwellen.
2005 - Revolution Teil II: Der Sportler Streetrod ist die zweite Harley mit dem so genannten VRSC-Motor.
2006 - das jüngste Kind der Revolution: Die Night Rod vereint Dragster und Sportler zum sogenannten "Power-Cruiser" mit 120 PS. Der dritte Revoluzzer ist der vielseitigste: Die Füße zum relaxten Cruisen vorne auf den Highway-Pegs oder zum Schalten und Bremsen hinten. Power aus dem Drehzahlkeller oder schrille Drehfreude bis 9.000 Touren hinauf, dann wieder loungige 3.000 Umdrehungen im Cruiser-Modus - alles ist möglich.
Die Night Rod ist aus dem Baukastenprinzip entstanden. Kurz: Eine mattschwarz lackierte V-Rod mit zurückgesetzten Fußrasten á la Street Rod. Stellt sich die Frage: Begehrenswerter Tausendsassa oder weder Fisch noch Fleisch?
Bernhard Gneithing, Marketing-Leiter Harley-Davidson, ist davon überzeugt, dass die Night Rod in eine Lücke stößt: "Mit der Night Rod haben wir die Verbindung beider Konzepte: Den Rahmen der V-rod, also sehr tiefe Sitzposition, eher aus dem Dragster-Sport entlehnt. Das ermöglicht die coole Easy-Rider-Position, wenn man die Füße auf die Highway-Pegs legt. Auf der anderen Seite haben wir die mittig montieren Fußrasten für sehr dynamisches Fahren."
Die Nightrod ist durchaus ein Hingucker. Sie hebt sich wohltuend von der Masse und von ihren Schwestern ab. Eine Orgie aus Mattschwarz und Chrom, und mittendrin das VRSC-Kraftpaket: Vier Ventile, obenliegende Nockenwellen, seit vier Jahren der Quell der Harley-Revolution.
Die künstlerisch geschwungene Auspuffanlage stammt vom Sportler Street Rod, ebenso die böse zupackenden Bremsen. Die geschlitzten Felgen von der V-Rod sorgen wiederum für einen Touch Dragster und Viertelmeilenrennen. Gewöhnungsbedürftig: 66 Zentimeter Sitzhöhe ist verdammt niedrig, dazu die Fußrasten direkt unterm Hintern. Vorne die Highway-Pegs für den Fahrstil á la Peter Fonda.
Acht Farben stünden zur Wahl, jedoch werden wir die Night Rod meist mattschwarz antreffen. Der Low Rise-Lenker ist noch flacher als bei V-Rod und Street Rod. 120 PS und ein maximales Drehmoment von 108 Nm bei 7.000/min verhelfen der Night Rod trotz ihres stolzen Gewichts von vollgetankt 284 kg zu dynamischen Fahrleistungen: Spitze 220 km/h, von 0 auf 100 in 3,9 Sekunden. Kostenpunkt für den Power-Cruiser: 16.995 Euro.
Eine Harley für alle Fälle: Sie brüllt und explodiert, oder sie schnurrt sanft dahin. Der Power-Cruiser Night Rod beweist die Allround-Eigenschaften, die seine Herkunft aus dem Baukasten erwarten lässt. Nachteil: Die Night Rod setzt früh auf, da der vom Dragster V-Rod stammende Rahmen nicht gänzlich mit der Sportlichkeit des Motors mithält.
Der Wechsel zwischen Fußrasten hinten und Highway-Pegs vorne gerät schnell vom ungewohnten Vorgang zum oft und gerne geübten Ritual. Motor und Getriebe verdienen dickes Lob, Design und Image stimmen ebenfalls. Geringe Schräglagenfreiheit und der kleine 14-Liter-Tank unter der Sitzbank trüben dagegen das Gesamtbild. Trotz nicht allzu hohen Verbrauchs von 6,9 Liter ergibt das nur etwas mehr als bescheidene 200 Kilometer Reichweite.
Fazit: Porsche-Power für den Milwaukee-Cruiser: Mit der Night Rod nimmt Harleys Motoren-Revolution immer faszinierendere Formen an.
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