Der neue Seat Leon: Anders, nicht artig
Alte ZeitenNoch Anfang der 80er Jahre spielte
Seat die Rolle des billigen Jakob im VW-Konzern. Oftmals waren es Hinterhofhändler, die Seat-Modelle über den Preis in den Markt drückten: Meist Kleinwagen mit wenig PS. Alles Geschichte, wie der neue Leon zeigt. Die fünftürige Kompaktlimousine kommt am 9. September zu Preisen ab 15.690 Euro auf den Markt.
Moderne ZeitenIhr Meisterstück haben die Spanier bereits mit der Entwicklung des Audi A3
Sportback geliefert - eine Auftragsarbeit für die noble Konzernschwester in Ingolstadt. Und ein Zeichen für den Aufbruch in eine neue Zeit: Seat, Audi und Lamborghini stellen im VW-Konzern die sportlichen Marken. Der Mission Sport entsprechend, zeigte Chefdesigner Walter De Silva bereits mit dem Seat Altea, dass ein Kompaktvan durchaus mehr sein kann als ein rollender Kleiderschrank. Jetzt kommt der Leon, der spanische Bruder des VW Golf. Während der Wolfsburger glatt gelutscht wie ein Sahnebonbon im Showroom steht, reizt der Leon mit scharfen Kanten und provokanten Kurven.
Spanischer SchickVon weitem könnte der Leon auch als Coupé durchgehen. Das liegt vor allem an den hinteren Türgriffen. Sie verstecken sich im Türrahmen und gaukeln eine zweitürige Silhouette vor - ein Markenzeichen von De Silva. Erstmals präsentiert im
Alfa Romeo 156, der ebenfalls des Meisters Feder entsprang. Typisch Seat ist dagegen die "dynamic line": eine schwungvolle Bügelfalte, die über dem vorderen Radlauf entspringt. Von dort neigt sie sich über beide Türen zum hinteren Radlauf. Auch die Frontscheinwerfer, die an Luchsaugen erinnern, gehören inzwischen fest zum Seat Design. Wesentlich für die dynamische Silhouette des Leon ist die extrem flach stehende Frontscheibe. Sie mündet in eine Dachlinie, die sich in sanftem Schwung dem Heck nähert.
Innen RaumDoch Schönheit genügt nicht. Wer in der Kompaktklasse Erfolg haben will, darf im Praxiskapitel nicht patzen. Deswegen wuchs der Leon um 1,9 Zentimeter in die Höhe und um gut 2,6 Zentimeter in die Breite. Mit einer Länge von 4,31 Metern übertrifft er den Vorgänger sogar um über 13 Zentimeter. Für das Raumangebot ist jedoch besonders der Radstand verantwortlich: plus 6,7 Zentimeter. Und so fühlen sich die Passagiere großzügig untergebracht. Mit viel Luft über dem Scheitel und reichlich Beinfreiheit im Fond. Einzig das Gepäckabteil fällt mit 441 Litern nur durchschnittlich aus. Variabilität? Fehlanzeige: Die geteilte Lehne der Rückbank kann nach vorn klappen, das war es dann auch schon. Auf der schiefen Ebene lassen sich dann bis zu 1.166 Liter verstauen. Wer mehr braucht, greift zu Altea oder Toledo. Die sind dem Leon wie aus dem Gesicht geschnitten, bieten aber deutlich mehr Platz und Variabilität.
Noch mehr drinDie Priorität des Leon: Fahrspaß. Dafür stehen zunächst je zwei Benzin- und Turbodieselmotoren zur Verfügung. Die Leistungspalette beginnt beim Benziner mit 102 PS (75 kW), der kleinste Diesel kommt auf 105 PS (77 kW). Bis auf den 1,6-Liter-Basis-Benziner verfügen alle Aggregate über eine Direkteinspritzung. Vorläufiges Topmodell ist der 2.0 TFSI, der im Leon mit 185 PS (136 kW) auskommen muss. In anderen Konzernmodellen bringt es der Vierzylinder-Turbomotor auf 200 PS. Doch weiterer Leistungszuwachs ist vorprogrammiert: Die Sportmodelle FR und Cupra R sind bereits für das kommende Jahr angekündigt. Und dass es dann nicht bei den maximal 225 PS des Vorgängers bleibt, ist beschlossene Sache.
Kräftiger GeizhalsFür erste Testfahrten wählten wir den 1.9 TDI mit 105 PS (77 kW) und das Topmodell 2.0 TFSI. Der Turbodiesel (ab 17.590 Euro) legt los, wie wir ihn aus anderen Konzernmodellen kennen: bissig, knurrig und durchzugstark. Tempo 100 ist aus dem Stand nach 11,3 Sekunden erreicht, maximal 185 km/h sind drin. Das reicht für den Alltag allemal. Und an der Tankstelle gelingt dem kleinen TDI mit durchschnittlich 5,0 Litern sogar ein ganz großer Auftritt. Auf kurvigen Landstraßen zeigt das gutmütige Fahrwerk enorme Sicherheitsreserven - allerdings auf Kosten des Komforts. Bodenwellen werden bisweilen trocken an die Passagiere weiter gereicht.
VollblutsportlerDer Turbo-Benziner (ab 22.190 Euro) geht mit 185 PS (136 kW) an den Start. Überholvorgänge laufen wie im Zeitraffer ab, denn an Durchzugskraft herrscht kein Mangel. Zwischen 1.700 und 5.000 Umdrehungen zerren 270 Newtonmeter Drehmoment am Antrieb. Eine Charakteristik, wie man sie sonst nur vom Turbodiesel kennt. Dabei agiert der Benziner sehr kultiviert. Selbst bei vollem Einsatz wird das kehlige Konzert aus Ansauggeräuschen und Auspufftrompeten nicht lästig. Mit schwerem Gasfuß geht es in 7,8 Sekunden auf Tempo 100 oder mit 221 km/h über die Autobahn. Der Bordcomputer zeigt dann allerdings Werte von bis zu 14 Litern. Und es muss das teure Super Plus sein. Wer entspannt im Verkehr mitschwimmt, kommt mit sieben bis acht Liter über die Runden.
Sicher ist sicherNicht nur sportliche Fahrer werden das Sicherheitspaket des Leon schätzen: sechs Airbags und der Bremsassistent sind Standard. Optional gibt es Seitenairbags auch für die Passagiere im Fond. Im Grenzbereich nimmt das Stabilitätssystem ESP den Spanier sanft aber bestimmt an die Leine, ohne dass die Elektronik als Spaßbremse nervt. Wie beim allen Konzernmodellen, die auf dem Golf V basieren, korrigiert die feinfühlige Servolenkung den Geradeauslauf bei Seitenwind oder Spurrillen. Neu ist die Bremsscheiben-Wisch-Funktion (BSW): die Bremsen werden durch Anlegen der Beläge automatisch von Nässe befreit, wenn der Scheibenwischer eingeschaltet ist.
Fazit: Der neue Seat Leon präsentiert moderne Technik aufreizend verpackt. Und er nimmt die Rolle als Kompaktsportler ernst. Mit beiden getesteten Motoren erweist sich der Spanier als agiles Temperamentsbündel.
mototype.de, Holger Schilp
Weitere Fotos