Honda Civic: Mutig wie ein Samurai

Aufreizend anders: Neben dem neuen Civic sehen Golf und Konsorten aus wie Langweiler. Dabei gelingt dem Japaner das Kunststück, auch in Sachen Alltagstauglichkeit zu punkten.

Revolution statt Evolution

"Ich weiß noch, wie ich mich hingesetzt habe, um über meinen eigenen Traum für den Civic nachzudenken", erinnert sich Civic-Entwicklungsleiter Yoshiyuki Matsumoto. Die Antwort auf alle Fragen zur Entwicklung des neuen Kompaktmodells hieß "Revolution". Beim Anblick der 4,25 Meter langen Kompaktlimousine mag man da nicht widersprechen. Der Neue ist vier Zentimeter kürzer, dreieinhalb Zentimeter flacher und fünf Zentimeter breiter als sein Vorgänger. Zum Verkaufsstart am 14. Januar 2006 gibt es zwei Benzinmotoren und ein Turbodieselaggregat. Der 1,4-Liter-Basis-Benziner leistet 83 PS (61 kW), der ebenfalls neue 1,8-Liter-Motor-Ottomotor entwickelt 140 PS (103 kW) - genauso wie der bewährte 2,2-Liter-Turbodiesel. Die Preise liegen zwischen 15.950 Euro und 24.300 Euro.

Designerträume werden wahr

Bei der Präsentation des Civic-Showcar auf dem Genfer Autosalon im vergangenen Frühjahr rätselte die Fachpresse, wie viele Designmerkmale beim Serienmodell zu finden sein würden. Bis auf die stark abgedunkelten Scheiben und einige Kleinigkeiten zeigt sich das Serienmodell als Zwillingsbruder der Aufsehen erregenden Studie. Die Front ziert eine durchgehende Klarglasblende. Hinter dem schmalen Schlitz funkeln die Scheinwerfer mit Chromblenden um die Wette. Auch am Heck findet sich ein durchgehendes Leuchtenband. Bemerkenswert sind auch die dreieckigen Einfassungen der Auspuff-Endrohre und der silbern glänzende Tankdeckel. Weil sich die hinteren Türgriffe im Fensterrahmen verstecken, wirkt der fünftürige Civic schnittig wie ein Coupé.

Captain Future

Innen geht das Staunen weiter. Der Arbeitsplatz des Fahrers gleicht dem Kommandostand eines Raumschiffs. Metallisch glänzend, mit einem Netzgitter in der senkrechten Speiche, präsentiert sich das Lederlenkrad. Bedientasten für Tempomat, Bordcomputer und das Navi-Soundsystem sind ergonomisch integriert. Vor dem Fahrer verbirgt sich unter einer im Sonnenlicht bläulich schimmernden, weitflächig gebogenen Kunststoffscheibe der Drehzahlmesser. Griffgünstig daneben: die großen Knöpfe und Tasten der Klimaautomatik. In der Praxis überzeugt das ungewöhnliche Design mit hervorragender Ergonomie. Brennt jedoch die Sonne durch das Glas-Panoramadach (Serie: Executive), kann es auf der großen Abdeckscheibe hinter dem Lenkrad zu blendenden Reflexionen kommen. Zudem scheint das Material kratzempfindlich zu sein.

Einfache Bedienung

In einem zweiten, höher angeordneten und ebenfalls gebogenen Informationsmodul befinden sich der Digitaltacho und das Display des DVD-Navigationssystems. Weil die Augen beim Blick von der Straße auf den Tacho nicht neu fokussieren müssen, soll der Fahrer die Information schneller erfassen können. Für den Sound und den Bordcomputer sind die Tasten auf der Mittelkonsole zuständig. Davor findet der Schaltknüppel des exakt rastenden Sechsganggetriebes eine griffgünstige Position. Vor dem Start muss zunächst der Zündschlüssel ins Schloss, dann wird der Starterknopf links neben dem Lenkrad gedrückt. Soll wohl sportlich wirken, nervt aber eher. Entweder ist der Schlüssel oder der Starterknopf überflüssig. Nach den ersten Kilometern ist klar: Der Arbeitsplatz des Civic passt wie angegossen. Auch ein Verdienst der bequemen Vordersitze. Erstmals verfügt das Navigationssystem (2.650 Euro) über eine TMC-Funktion, die bei einem Stau auf der geplanten Route automatisch eine Ausweichstrecke ohne Verkehrsbehinderungen wählt. Der Clou: fast alle Fahrzeugfunktionen lassen sich per Sprachsteuerung bedienen.

Klappt prima

Als weitere Sonderausstattung kennt der Civic nur noch Metalliclack (430 Euro), Xenon-Scheinwerfer (750 Euro), eine Leder-Innenausstattung (1.350 Euro) und das automatisierte Schaltgetriebe "i-Shift". Alles Übrige ist in den Ausstattungspaketen Sport und Executive enthalten. Doch die Besonderheiten des Civic sind nicht nur optischer, sondern auch strukturelle Natur. So wurde der Tank Platz sparend unter den Vordersitzen positioniert. Wie beim kleinen Bruder Jazz ermöglicht das einen besonders variablen Innenraum: Die geteilten Rücksitzlehnen lassen sich nicht nur flach umlegen, sondern auch die Sitzflächen können hochgeklappt werden. Die Juccapalme darf dort dann aufrecht reisen. Das Gepäckabteil fasst durch die Abwesenheit eines Reserverades (stattdessen ein Pannenspray) beeindruckende 456 Liter - mehr als viele Mittelklasselimousinen wegstecken können. Maximal passen 1.352 Liter in den neuen Civic.

Keine Langeweile

Wer Kraftstoff sparen möchte, kann sich an vier grünen Leuchtdioden neben dem Tacho orientieren. Sie zeigen, ob das Fahrzeug gerade tendenziell viel oder wenig verbraucht. Nach Angaben von Honda eher wenig: Bei keinem der drei Triebwerk liegt der Normverbrauch über sechseinhalb Liter. Der kleine Benziner und der Diesel begnügen sich demnach sogar mit 5,4 bzw. 5,1 Liter Kraftstoff. Trotzdem spurten die beiden stärkeren Motoren in weniger als neun Sekunden von null auf 100 km/h, die Höchstgeschwindigkeit beträgt jeweils 205 Stundenkilometer. Nach ersten entspannten Testrunden durch das Hinterland von Nizza zeigte der Bordcomputer bei beiden Motorisierungen allerdings nie weniger als siebeneinhalb Liter an. Genaueres wird ein Test zum späteren Zeitpunkt erweisen. Bewiesen wurde durch die ersten Kilometer allerdings, dass der Civic Spaß macht. Vom hölzernen Abrollkomfort bei Schlaglöchern in der Stadt abgesehen, kann auch der Komfort überzeugen. Die Motoren sind akustisch stets präsent, ohne aufdringlich zu sein. Passt gut zum sportlichen Charakter, den das agile und sichere Fahrwerk vermittelt. Dank exakter Lenkung und einem bis zum hohen Tempo neutralen Fahrverhalten werden kurvige Landstraßen zum Vergnügen. Zur Sicherheit sind das VSC-Stabilitätssystem, ein Bremsassistent, aktive Kopfstützen (ab Comfort), Isofix-Kindersitzverankerungen und sechs Airbags an Bord.

Fazit: Der neue Civic ist weit unkomplizierter als das unkonventionelle Design vermuten lässt. Bei der im Alltag so wichtigen Variabilität setzt er sogar echte Glanzlichter.

mototype.de, Holger Schilp

Weitere Fotos

Mehr Fotos anzeigen