Seat Alhambra 1.9 TDI: Kraftkur für den großen Spanier

Je oller, je doller möchte man sagen. Im Herbst seines automobilen Daseins bekam der Alhambra nochmals einen 150-PS-Powerdiesel spendiert, der ab sofort auch mit Partikelfilter verfügbar ist. Ob sich der Spanier damit die immer zahlreichere Konkurrenz auf Distanz halten kann, zeigt der Praxistest.

Reife Leistung
Inzwischen bekennt sich Seat in jedem Fahrzeugsegment zum Großraumkonzept. Angefangen hatte alles mit dem Alhambra, dem spanischen Stiefbruder des VW Sharan. Beide entwickelten sich lange im Gleichklang, bevor sich der Wolfsburger mit der letzten Modellpflege optisch emanzipieren durfte. Doch auch ohne aufgestyltes Heckleuchtendesign wirkt der Spanier keineswegs angestaubt. Unter dem Blech ist der Alhambra natürlich auf der Höhe der Zeit. Das Stabilitätsprogramm ESP hat das Fahrwerk selbst in kritischen Situationen sicher im Griff, wie der Test auf winterlichen Straßen bald zeigen sollte. Zum Schutz der Passagiere gibt es vorne vier Airbags. Windowairbags ziehen sich über die gesamte seitliche Fensterfront.

Mehr, denn je
Unter der Haube des Testwagens stecken 150 PS (110 kW) - der stärkste Alhambra-TDI aller Zeiten. Es ist jedoch nicht etwa der neue Zweiliter-Vierzylindermotor, vielmehr kommt die Power-Ausbaustufe des 1,9-Liter-Aggregats zum Einsatz. Bei Seat kennt man diese Variante bereits von den Vorgängermodellen des Léon und Toledo. In der umfangreichen Ausstattungslinie "Sport" kostet der Familienexpress 30.590 Euro. 17-Zoll-Alufelgen, Klimaanlage mit Zusatzheizung im Fond, ein gekühltes Handschuhfach sowie ein MP3-CD-Radio mit 10 Lautsprechern und eine Handy-Vorbereitung sind darin enthalten. Wird, wie beim Testwagen, mit Xenon-Licht, Ledersitzen und Farb-Navigationssystem weiter aufgerüstet, kommen schnell einige weitere Tausender zusammen.

Großer Gepäckschlucker
Während die vergleichbare Van-Familie von Peugeot, Citroen, Lancia und Fiat über seitliche Schiebetüren verfügt, öffnet der Fond des Alhambra konventionell. Normalerweise bringt das keine Nachteile. Nur auf engen Supermarktparkplätzen wird es für den Lack der Nachbarautos eventuell kritisch, wenn der Nachwuchs gedankenlos aus dem Fond stürmt. Im Heck, wo bei Bedarf aufpreispflichtiges Gestühl (500 Euro für die Plätze sechs und sieben) einrasten kann, bietet unser Alhambra Platz in Hülle und Fülle. 852 Liter schluckt die Kofferhöhle des Fünfsitzers. Wahlweise lassen sich dort auch die Sitze aus dem Fond verankern. Das schafft in der zweiten Sitzreihe Platz. Beim Einsatz als Zweisitzer steigt das Ladevolumen auf umzugstaugliche 2.600 Liter. Ob einzelne Sitze wirklich ausgebaut werden müssen, haben wir uns immer gründlich überlegt - die Dinger sind unhandlich und sehr schwer. Gut, dass es meist auch so geht. Auch mit kompletter Bestuhlung ist es nicht nötig, einen sperrigen Kinderwagen zum Transport zusammenzuklappen. Und die Fahrräder der kleinen Geschwister passen meist auch noch rein.

Kerniger Kraftmeier
Ist alles verstaut, hat der TDI seinen großen Auftritt. Besonders nach einer kalten Winternacht erwacht der Diesel geräuschvoll. Und auch wenn er nach wenigen Kilometern seine Betriebstemperatur erreicht hat, ist er kein Leisetreter. Doch der raue Umgangston passt zum Muskelspiel. Obwohl der Standardsprint auf Tempo 100 mit 11,9 Sekunden nicht rekordverdächtig ausfällt, fühlt sich der Alhambra wie ein kräftiger Athlet an. Es liegt am Drehmoment, das bei 1.900 Umdrehungen mit 310 Newtonmtern am Antrieb zerrt. Auf nasser Fahrbahn hat die Traktionskontrolle daher gut zu tun, um die Vorderräder am Durchdrehen zu hindern. Wie man es vom 1.9 TDI kennt, reicht das Drehvermögen jedoch nicht weit über 3.000 hinaus. Deshalb will der Alhambra mit einem exakt geführten Sechsganggetriebe bei Laune gehalten werden. Wer es ruhig angehen lässt, kann problemlos mit niedrigsten Drehzahlen Kraftstoff sparend durch die Stadt brummen. Innerorts sind dann Werte zwischen sieben und acht Liter zu schaffen. Tempobolzerei auf der Autobahn (199 km/h Spitze) lassen den Bordcomputer Werte von bis zu 13 Litern ausspucken. Und laut ist es dann auch im Alhambra. Im Alltag werden jedoch selten mehr als acht Liter je 100 Kilometer verfeuert. Weniger schön: Schadstoffnorm Euro 3. Dafür ist ab sofort ein Rußpartikelfilter lieferbar (575 Euro), eine Nachrüstlösung für bereits ausgelieferte Fahrzeuge soll nach Angaben von Seat in den nächsten Wochen folgen.

Flotter Reisewagen
Das Fahrwerk gibt sich straff. Das hindert den Alhambra jedoch nicht daran, schnelle Kurven mit einer deutlich spürbaren Verbeugung zu begrüßen. Gut, dass die Vordersitze so viel Seitenhalt bieten. Auch der Langstreckenkomfort der sehr straffen Polster überzeugt. Hinter dem recht flach stehenden Lederlenkrad - verstellbar in Länge und Höhe - erfreuen in Chrom gefasste Rundinstrumente das Auge. Die wichtigsten Anzeigen liegen im Blickfeld. Klimaanlage, Radio und das Navigationssystem sind allerdings so tief platziert, dass der Blick oft zu lange von der Fahrbahn abgewendet werden muss. Dafür gibt zahlreiche Staufächer und Ablagen. Sie schlucken den für lange Strecken benötigten Nasch- und Kleinkram. Wenn dann noch satte Bässe aus den zehn Lautsprechern wummern, lässt es sich im Alhambra Sport 1.9 TDI 110 kW angenehm leben. Hoch oben, über der Limousinenwelt.

Fazit: Der 150-PS-Turbodiesel ist für den Alhambra ein echter Jungbrunnen. Detailschwächen in der Bedienung zeigen jedoch, dass die Zeit nicht spurlos an ihm vorbei gegangen ist. Gilt es jedoch sperrige Ladung zu transportieren, ist der Seat Van noch immer ein ganz Großer.

mototype.de, Holger Schilp

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