Ein milder Wilder: Ford Mustang V6 Coupé Deluxe im Test

Los Angeles, 12. Januar 2007 – Ein großes Sportcoupé mit kultiger Machooptik und einem 210 PS starken Vierliter-V6-Motor für knapp über 15.000 Euro? Ja, ein solches Angebot gibt es – und das sogar für einen Neuwagen. Dabei handelt es sich jedoch nicht um einen ersten Vorboten der chinesischen Auto-Invasion. Vielmehr ist die Rede vom Ford Mustang – einer uramerikanische Ikone der dynamischen Fortbewegung. Die aktuelle Auflage hat in ihrer Heimat bereits eine große Fangemeinde. Auch in Deutschland gibt es Liebhaber, die es bedauern, dass Ford sein blechernes Wildpferd nicht in Europa feilbietet. Die Hände reiben sich dafür freie Importeure, die hierzulande ganz ungeniert fast den doppelten Preis verlangen. Auf einem Proberitt in den USA wollten wir wissen, ob der eigentlich 15.000 Euro teure Mustang V6 auch 30.000 Euro kosten darf.

Leicht verdaulicher Retro-Look
Mit seinen klaren Flächen und scharfen Linien hinterlässt der Mustang einen kraftvollen und maskulinen Eindruck. Sein bulliges Gesicht schaut grimmig und fordernd. Schick ist die klassische Coupéform mit lang abfallendem Heck und kleinen Dreiecksfenstern. Mit Retro-Anleihen vermittelt er zudem die Formensprache des Ur-Mustangs. Insgesamt wirkt das Design jedoch einfach und leicht verdaulich. Dem Blechkleid fehlt eine gewisse Verspieltheit und Tiefe, die den neuen Mustang wie einst seinen Ur-Vater zum Kultklassiker machen könnte. Obwohl sehenswerter als seine Vorgänger, könnte auch die aktuelle Generation schnell wieder in Vergessenheit geraten. Doch das wird erst die Zukunft zeigen.

Billiges Kultdesign
Der Innenraum bietet ebenfalls eine Mischung aus Retro und einfacher Hausmannskost. Vor allem die zwei großen Rundtachos mit 60er-Jahre-Ziffernblättern und das Lenkrad vermitteln das Flair glorreicher Tage. Ansonsten ist die von uns gefahrene Ausstattung Deluxe zwar sauber verarbeitet, bietet jedoch ein tristes Interieur mit zu viel Hartplastik. Immerhin lockern Chromringe die freudlose Umgebung etwas auf. Sportwagen-Feeling vermittelt der Mustang innen nicht. Weder Lenkrad noch Sitze weisen auf eine dynamische Akzentuierung hin. Der Wagen ist übrigens ein Viersitzer. Wobei die hinteren beiden Plätze aufgrund der niedrigen Kopffreiheit nur kleineren Personen auf längeren Strecken zumutbar sind. Der einfach ausgekleidete und leicht zerklüftete Kofferraum hat Platz für immerhin 350 Liter Gepäck.

Lustloser V6
Ebenfalls einigermaßen Platz ist unter der Motorhaube. Der Vierliter-V6-Benzineinspritzer füllt den Raum nicht ganz aus und ist zudem nicht von Plastikverschalungen verdeckt. Hier kann man noch einen Blick auf die einfache Technik werfen. Der Zweiventiler mit oben liegender Nockenwelle mobilisiert gerade mal 210 PS und 325 Newtonmeter Drehmoment bei 3.500 Touren. Besonders aggressiv oder sportlich kommt diese Kraft jedoch nicht rüber. Lediglich aus dem Stand quittiert der V6-Mustang dank fehlender Traktionskontrolle den Kick-down mit quietschenden Hinterrädern. Vor allem auf losem Untergrund zieht man deshalb eine wilde Staubfahne hinter sich her – genau so, wie man es von einem Mustang wohl erwarten sollte. Doch ansonsten vermisst man einen markigen Sound und die träge reagierende Fünfgang-Automatik fördert ebenfalls nicht gerade den Spaß zu heißen Zwischenspurts. Spontanes Ansprechverhalten, Drehfreudigkeit? Fehlanzeige. Mit der Automatik ist der 100-km/h-Sprint erst nach 10,6 Sekunden zu Ende, die Höchstgeschwindigkeit soll bei knapp über 220 km/h liegen.

Akzeptabler Verbrauch
Wer mehr Druck spüren will, ist geneigt, über Drehzahlen etwas Schwung in die Kiste zu bringen. Doch selbst über 4.000 Touren ist der Vortrieb zäh und außerdem wird’s dann nervig laut. Unterm Strich ist dann doch das Cruisen die Domäne des V6-Mustangs. Mit 2.000 Touren im als Overdrive ausgelegten fünften Gang kann man gemütlich mit 100 km/h dahingleiten und die Landschaft genießen. Wer fulminanten Schub und Lastwechsel spüren will, sollte hingegen auf den GT mit dem über 300 PS starkem V8-Motor zurückzugreifen. Der ist dann jedoch recht durstig. Der V6 hat sich auf unserer Testfahrt mit zehn Litern noch recht genügsam gegeben.

Agiler als erwartet
Auch Fahrwerk und Lenkung sorgen nicht für ein sportliches Fahrgefühl. Die scharfe Präzision europäischer Sportwagen kann der einfach gestrickte Unterbau mit Starrachse nicht bieten. Und so stört es eigentlich kaum, das auf amerikanischen Straßen Kurven eher selten anzutreffen sind. Doch zur Überraschung konnte sich der Mustang auf der Haustrecke der Hollywood-Heizer – dem Mullholland Drive – durchaus wacker schlagen. Wenn man ihm die Sporen gibt und mit harter Hand nach links oder rechts führt, wankt der Wagen, lässt aber dennoch hohe Kurvengeschwindigkeiten zu. In scharfen Kurven geht der Mustang bereits früh ins Untersteuern und quittiert Gasstöße am Kurvenscheitel mit leichten Ausbrechversuchen des Hecks. Lediglich bei schnellen Richtungswechseln wird das gefühlsmäßig doch eher zu Schlingerpartie. Abstriche muss man außerdem beim Federungskomfort hinnehmen, der leider etwas hölzern ist.
(mh)

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