VW Scirocco R vs. Seat Leon Cupra R in der Wertungsprüfung: Bru...
Warmup
Man sieht es ihnen auf den ersten Blick nicht an, aber der VW Scirocco R und der Seat Leon Cupra R sind tatsächlich so etwas wie zweieiige Zwillinge. Nicht nur, dass sie unter dem Dach des Volkswagen-Konzerns großgeworden sind, in ihnen schlägt auch das gleiche Herz: der Zweiliter-TFSI-Turbo-Vierzylinder mit 265 PS. Aber dann driften die Brüder auseinander. Einerseits durch ihr Aussehen, treffen hier doch ein rassig gezeichnetes Coupé und ein familientauglicher Fünfsitzer in Van-Optik aufeinander. Andererseits durch ihr Getriebe: Während in Niedersachsen das optionale Doppelkupplungsgetriebe die sechs Gänge sortiert, verwaltet der Fahrer im Katalanen die maximal 350 Nm per manueller Sechsgang-Box noch selbst. Doch kann der Scirocco diesen vermeintlichen Vorteil ausspielen? Oder ist der Leon der Wolf – oder besser: Löwe – im Schafspelz? Um dieser Frage in der aktuellen Wertungsprüfung auf den Grund zu gehen, haben wir die ungleichen Brüder um den kleinen Kurs des Hockenheimrings gejagt.
LängsDie jüngere Vergangenheit hat es immer wieder gezeigt: Um in der Kompaktwagenklasse sportlich unterwegs zu sein, reichen zwei Liter Hubraum locker aus. Schließlich machen Turbolader das konzeptbedingte Drehmomentmanko entspannt wett. Der VW-Konzern ist einer der Vorreiter auf der Downsizing-Welle und führt mit der stärksten Ausbaustufe des Tausendsassas 2.0 TFSI dieses Konzept auf die Spitze: Beide Kontrahenten bringen es auf 265 PS und 350 Nm und die Power über die Vorderräder erstaunlich gut auf den Boden – und zwar nicht nur auf dem griffigen Asphalt des Hockenheimrings, sondern auch auf der Landstraße. Hauptverantwortlich dafür ist in beiden Autos die elektronische XDS-Sperre, die das Drehmoment je nach Bedarf an jenes Vorderrad leitet, dass es in diesem Moment nötiger hat. Entsprechend stürmisch legen die Kontrahenten los, was beim Null-auf-Hundert-Test in beiden Fällen in einer Zeit von 6,2 Sekunden gipfelt. Ein guter Wert, keine Frage, allerdings soll nicht unerwähnt bleiben, dass der Scirocco die Werksangabe damit um zwei Zehntel verfehlt, während der Leon sie exakt trifft. Zudem darf man sowohl dem Deutschen als auch dem Niedersachsen einen langen Atem attestieren, denn mit Topspeed 250 (VW) respektive 253 (Seat) ist die Autobahn-Gegnerschaft der beiden Kompakt-Sportler überschaubar. Ein Unterschied gibt es dann aber doch, und der sorgt dafür, dass der Scirocco ausgerechnet wegen des VW-Lieblingskindes DSG in der Längs-Rubrik um einen Punkt ins Hintertreffen gerät. Denn das im Testwagen installierte Doppelkupplungsgetriebe funkt auch im manuellen Modus gerne dazwischen, was gerade auf der Rennstrecke auf der Suche nach den letzten Zehntelsekunden ein Ärgernis darstellt. Im Alltag hat das ebenso schnell wie sanft schaltende Getriebe zwar seine Vorteile, aber uns ist die knackige Sechsgang-Box des Spaniers – für den es die Option „DSG“ auch nicht gegen Aufpreis gibt – klar die erste Wahl.
QuerOrtstermin Hockenheim: Ein Fahrertraining auf der Kurzanbindung ist der perfekte Anlass, um den ungleichen Brüdern fahrdynamisch auf den Zahn zu fühlen. Als wir an die Strecke kommen, scheinen Scirocco und Leon zwischen all den Porsche-, Lotus- und BMW M-Modellen wie Fremdkörper zu wirken. Doch schnell zeigt sich, dass die Volkssportler auch hier durchaus ihre Daseinsberechtigung haben. Sie lenken direkt und exakt ein, halten brav die Ideallinie und bieten am Kurvenausgang ordentlich Traktion. Hier haben sowohl die spanischen als auch die niedersächsischen Fahrwerksingenieure ganze Arbeit geleistet. Wilde Gaspedalmisshandlungen führen bei beiden Autos zu leicht parierbarem Untersteuern, was es stets einfach macht, den Grenzbereich auszuloten. Allerdings hält der Leon immer einen kleinen Respektsabstand zum Scirocco, ist nicht ganz so zackig und zügig. Und hat ein weiteres Manko auf seiner Seite: Sein ESP ist nicht komplett deaktivierbar, was gerade beim Versuch, möglichst früh ans Gas zu gehen und damit die Rundenzeit zu verbessern, hinderlich ist. Bei VW hat man dagegen dazugelernt. Beim Scirocco lassen sich die Regelsysteme vollständig ausschalten, greifen nun wirklich nur noch in einer wirklichen Gefahrensituation ein. Das sorgt schlussendlich für eine um fünf Zehntelsekunden bessere Rundenzeit (1:16.6 zu 1:17.1 Minuten) und den knappen Sieg in der Fahrdynamik-Wertung. Mit seiner besseren Fahrdynamik hat sich der Scirocco einen so großen Vorsprung erarbeitet, den die deutlich standfestere und etwas bissigere Bremsanlage des Leon Cupra R nicht wettmachen kann.
AlltagHier schlägt die Stunde des Spaniers. Fünf vollwertige Sitzplätze gepaart mit einem ordentlich bemessenen und gut nutzbaren Kofferraum kombiniert Seat mit ausgeprägtem sportlichen Talent. Abstriche gibt es für die miese Übersichtlichkeit und den großen Wendekreis. Auch der Scirocco ist im Alltag ein praktischer Begleiter, vor allem dann, wenn man zu zweit unterwegs ist. Naturgemäß ist sein Kofferraum etwas kleiner und es geht im Fond enger zu als beim spanischen Kontrahenten, aber mit ein wenig Rücksichtnahme aller Insassen ist er tatsächlich als echter Viersitzer zu gebrauchen. Zudem haben die Wolfsburger Innenraumdesigner bei der Materialauswahl den etwas besseren Geschmack bewiesen. In Bezug auf Fahrwerk und Sitze stimmt auch der Komfort, allerdings wäre ein Zwischending aus etwas übertrieben synthetisch verstärktem Motorsound im Scirocco und gar keinem Klang im Leon die ideale akustischeLösung. Aber es gibt hier wie da anständige Soundsysteme, welche diese Mankos wieder wettmachen.
GeldWaren die zweieiigen Zwillinge bislang auf Tuchfühlung, geht die Schere im Kostenkapitel weit auseinander. Beim Grundpreis enteilt der Leon dem Scirocco schon deutlich (30.590 zu 36.225 Euro), ausstattungsbereinigt wird der Unterschied mal eben fünfstellig (34.835 zu 45.611 Euro). Das kann der Wolfsburger mit seiner etwas besseren Versicherungseinstufung und seinem um gut einen Liter günstigeren Spritverbrauch innerhalb eines Autolebens nicht ansatzweise gutmachen. Biegt der Außenseiter hier etwa endgültig auf die Siegerstraße ein?
Wahre WerteJa, das macht er tatsächlich, denn er gerät im subjektiv geprägten Kapitel nur leicht ins Hintertreffen. Eines wurde im Laufe des Tests nämlich immer offensichtlicher: Der Scirocco, von VWs Marketingabteilung als Kompakt-Sportwagen mit Alltags-Qualitäten positioniert, erfüllt die Erwartungen – der Leon übertrifft sie bei weitem. So viel dynamisches Talent hätten wir dem spanischen Familienfreund nun wirklich nicht zugetraut. Doch schön, nein, das ist der Leon auch als Cupra R immer noch nicht. Das sieht beim Scirocco schon anders aus, der mit scharfem Blick und Hintern der einzige aktuelle Volkswagen ist, der die Sinne berührt.
Unser FazitAuch in diesem Bruder-Duell kann es nur einen Sieger geben, und der heißt Seat Leon Cupra R. Der Spanier gewinnt deutlich nach Punkten, erkämpft sich einen Großteil seines Vorsprungs jedoch im Kosten- und im Alltagskapitel. Er lässt sich vom rassigen Scirocco längs- und querdynamisch nur schwer abschütteln, überzeugt dafür mit vielen praktischen Vorzügen. Wer nicht auf den Euro schauen und/oder eine Familie transportieren muss, findet im VW Scirocco R allerdings den etwas dynamischeren Sport-Allrounder.
Mittwoch November 16
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