Fordernd-sattes Brabbeln
Ich will endlich den V10 hören. Also Schlüssel rumdrehen und erst mal eine Sekunde warten. Die Bedenksekunde ist verständlich bis 520 Pferde geweckt und in Reih und Glied am Start sind, dauert es schon ein Weilchen. Aber wenn sie zur Stelle sind, dann mit Nachdruck. Das tief-grummelnde Geräusch, dieses fordernd-satte Brabbeln, stellt meine Gänsehaut auf. Doch noch ist der Ton gemäßigt, noch spielt das italienische Orchester mezzoforte und nicht forte.
Schlechte Sicht nach hinten
Mein Testwagen hat das automatisierte Schaltgetriebe E-Gear an Bord, also muss ich zum Rückwärtsfahren einen kleinen Knopf links neben dem Lenkrad drücken. Gleichzeitig wird das Bild der Heckkamera am Navi-Bildschirm angezeigt. Dieses nette Feature ist eine hilfreiche Erfindung, denn die Sicht nach hinten strebt wegen der hohen C-Säulen und der kleinen Heckscheibe gegen Null.
Herrlich: Cruisen in der City
Endlich ist es soweit: Am rechten Lenkradpaddle ziehen und den ersten Gang einlegen. Los gehts. Gaaaaanz sanft tippe ich ans Gaspedal, um den Stier nicht gleich zu reizen. Und wirklich: Man kann ihn anfahren, ohne dass Mütter erschreckt ihre Kinder zur Seite zerren. Der Drang, dem Rassesportler gleich richtig die Sporen zu geben, ist groß. Mein Fuß kribbelt, aber ich beherrsche mich. Erstaunlich: Ich kann mit diesen Lambo herrlich cruisen, kann ihn leise mit unterdrücktem Grummeln wie einen normalen PKW durch die City fahren.
Brachialer Vorwärtsdrang
Doch wehe, wenn die Straße frei ist: Der erste Vollgasstoß wird von einem röhrenden Aufbrüllen hinter mir quittiert, die Drehzahlmessernadel schnellt nach oben und im Rücken drückt es, als stürze mir gerade ein Bücherregal ins Kreuz. Der Lambo prescht mit so brachialer Gewalt nach vorne, dass ich das kleine Lenkrad richtig fest packe. Schier unendlich dreht die Maschine bis über 8.000 Touren hoch.
Kurze vier Sekunden auf Tempo 100
Sobald ich mich an den Vortrieb gewöhnt habe, geht es richtig los. Zack ... den Zweiten ... zack ... den Dritten ... und so geht es weiter, begleitet von einem wohligen Hicksen aus Richtung Auspuff. Die Schaltzeiten sind bei der Special Edition kürzer, die Lenkung direkter und das Fahrwerk straffer. Kurze vier Sekunden braucht die Tachonadel, um über die hundert zu flutschen. Und: Der Wagen schafft 315 km/h. Wer es auf diese Spitze treibt, lernt, dass es einen Tunnelblick auch ohne Alkohol gibt. Apropos Tunnel: Fenster runter, zurückschalten und Vollgas geben. Das ungehemmte Stier-Brüllen macht vorstellbar, was passiert sein könnte, wenn ein Trapper 1902 in den Staaten versehentlich einen Eisenbahntunnel betrat und schreiend vor einer tösenden Lok rückwärts wieder herausrannte.
Straff, nicht bretthart
Dieses Auto ist aber keinesfalls vordergründig laut, es lässt sich wunderbar bewegen: Die überaus direkte Lenkung erlaubt ein präzises Handling und der permanente Allradantrieb verschafft eine Traktion, als wolle der Lambo mit der Straße verschmelzen. Der Wagen liegt auf dem Asphalt wie ein Brett, allerdings ohne dessen absolute Härte. Straff? Ja. Knackhart? Nein.
Fast 174.000 Euro teuer
Ehrlich, glauben Sie es, der Gallardo Special Edition ist alltagstauglich. Naja, fast. Auf den Boden der praktischen Tatsachen holt mich meine Holde, als ich sie mit dem fast 174.000 Euro teuren Italiener abhole. Und wo ist der Kofferraum? Mmh ... vorn halt 110 knapp geschnittene Liter. Aber ist das nicht egal? Fürs Übernachtungstäschchen reicht es allemal.
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