2.700 Kilometer ist sie lang, die Küste der Bretagne. Schmal-kurvige Straßen entlang der tosenden Brandung - ein einsames und aufregendes Fahrerlebnis von atemberaubender Schönheit. Die Elemente sind nicht nur nah, man ist mittendrin.
Ab September ist hier niemand mehr. Ganz Frankreich ist in die Städte zurückgekehrt. Die Kinder gehen wieder in die Schule und die Erwachsenen ihrer Arbeit nach. In Paris haben die Touristen die Macht an die Pariser übergeben, wenn auch nie ganz. 10 Millionen Menschen hinein, einige Millionen hinaus. Rien ne va plus auf Sarkozys hauptstädtischen Straßen.
Wir meiden den Ring um Paris und schlagen uns schon weit vor der Metropole gen Norden durch. Ab Reims geht es über die A26 nach Saint-Quentin und dann über die A29 und A84 in Richtung Normandie/Bretagne. Bei Avranches, schon ganz in der Nähe des berühmten Mont- St. Michel, erreicht man so die Küste der Normandie. Um in den äußersten Nordwesten Frankreichs zu gelangen, und damit zu unserem Ziel im Finistère, muss man ab jetzt nur noch dem Meer folgen Die Bretagne ist nah und nicht mehr zu verfehlen. Zwar wäre es ab Reims über die A4 und Paris gut 100 Kilometer kürzer gewesen, doch bei einer Wegstrecke von über 1.000 Kilometern ab Deutschland kommt es darauf kaum an. Trotz durchgehender Autobahn ist die Route abwechslungsreich und bietet, es sei erneut erwähnt, Schutz vor den Unbilden des Rand-Pariser Verkehrs. Wie so oft gilt: Der Weg ist das Ziel. Wer dies nicht so sehen mag, sollte mit dem Flugzeug anreisen und sich am Flughafen von Brest einen Mietwagen besorgen.
Schon ob der großen Entfernung ist ein Zwischenstopp eine gute Entscheidung und Mont- St. Michel ein großartiger Ort dafür. Bei den Hotels oder Pensionen hat man die Qual der Wahl, nicht nur was die Kategorien und Sterne betrifft. Die grundsätzliche Entscheidung ist, ob man den berühmten Fels im Ärmelkanal im Blick haben oder auf ihm selbst nächtigen möchte. Beide Varianten haben Ihren Reiz. Und Ihren Preis. Wegen der Fülle der Möglichkeiten enthalten wir uns möglicher Empfehlungen. Doch wer günstig nächtigen will, sollte zumindest im Sommer schon einige Kilometer vor Mont-St. Michel sein Lager aufschlagen.
Das westlichste Departement Frankreichs, das Finistère, erreichen wir bei Morlaix. Wir
rollen langsam dahin, auf der N12 immer weiter gen Westen und erreichen schließlich Brest. Die Hafenstadt am Atlantik bildet das wirtschaftliche Zentrum des Finistère und ist noch heute Stützpunkt der französischen Atlantikflotte. 150.000 Einwohner, es geht also im großstädtischen Vergleich um kleinere Größenordnungen. Wer in Brest stoppt, sollte unbedingt das Meereskundemuseum Océanopolis besuchen. Der moderne Komplex östlich des Handelshafens ist ein Eldorado für Aquarienfans, für Kinder ein „Muss" und braucht den Vergleich mit der weltweiten Konkurrenz nicht zu scheuen. Mehr als 1000 Tierarten können in ihrem natürlichen Lebensraum beobachtet werden, wenn dieser auch künstlich geschaffen wurde. Die Aquarien sind zum Teil groß genug, um mit dem Fahrstuhl direkt durchs Wasser zu gleiten.
Hinter Brest verlassen wir das Ausbaugebiet der Autobahnen. Wir überqueren die Recouverance-Brücke und biegen dann links in die Rue St-Exupéry, um die etwas oberhalb gelegene Küstenstraße zu erreichen. Konsequent geht es weiter Richtung Westen. Das erste Ziel ist das Dorf St.-Mathieu mit seinem berühmten Leuchtturm, der eine Besichtigung lohnt. Wer die gut 160 Stufen bewältigt hat, wird mit einem grandiosen Blick über das Meer und die vorgelagerten Inseln belohnt, zumindest wenn sich der Morgennebel schon gelichtet hat.
Genau gegenüber des Leuchtturms und der direkt benachbarten Klosterruine befindet sich in der Hostellerie de la Pointe St. Mathieu auch eines der besten Restaurants der Region.
Wir folgen der Küstenstraße weiter nach Conquet. Das zauberhafte Örtchen ist zugleich der Fährhafen zu den Inseln Molène und Quessant und damit zum westlichsten Punkt Frankreichs. Bevor man an Bord geht, sollte man in Conquet ein paar Austern schlürfen. Nirgendwo auf der Welt sind sie besser. Und dieser Satz ist weder übertrieben noch gilt er nur für Austern. Meeresfrüchte aus dem Finistère werden in der europäischen Spitzengastronomie hoch geschätzt, hier vor Ort gibt es sie für kleines Geld. Muschelstände statt Bratwurstbuden! Dazu einen Muscadet oder trockenen Cidre, danach einen Crêpe oder Gelatte - eine Art herzhaften bretonischen Pfannkuchen.
Von Conquet geht es auf der D789 einige hundert Meter ins Landesinnere und dann links über die D28 nach Brélès. In Brélès fahren wir links auf die D27 in Richtung Lanildut, einem Örtchen, das vor allem für seine Algenfischerei Berühmtheit erlangt hat. Nun liegt sie vor uns, die wohl schönste Strasse der Welt. Kaum 5 Kilometer lang aber atemberaubend genug, dass man Tage hier verbringen möchte. Wir passieren die Dörfer Melon, Porsponder, Keroustat und Argenton, steigen zwischendurch immer wieder aus, genießen den Blick und lassen uns den Wind um die Nase wehen. Gelegenheiten zum Halt gibt es überall, Bausünden dagegen keine. Überhaupt erinnert wenig an menschliche Zivilisation. Hier an der Küste brodelt das Meer. Die Gischt schlägt unablässig gegen den Fels. Strudel, Untiefen und Strömungen entstehen. Kapitäne meiden das Gebiet noch heute aus gutem Grund. Nicht nur der Nebel, auch das Meer selbst verschluckt hier so manches Schiff.
Wir beobachten lange eine ganze Gruppe junger Burschen, die mit ihren Brettern über die Wellenkämme reiten, um gleich stehend wieder hinauszupaddeln und die nächste Abfahrt zu erwischen. Am ehemals breiten Strand versuchen Kinder, den immer schneller schwindenden Badeplatz im Kampf gegen die Flut mit Sandwällen zu schützen. Ein Riesenspaß, aber chancenlos! Bis zu 14 Meter Höhenunterschied liegen mancherorts zwischen Ebbe und Flut. Das ist Weltrekord. Am nächsten Tag kann das Spiel neu beginnen.
Lanildut ist ein guter Platz für die Nacht. Mit dem Hotel Le Clos d'Ildut und dem Hotel Gwalarn seien nur zwei altehrwürdige Gemäuer genannt, die einen Aufenthalt lohnen. Zurück geht es dann ganz einfach: Immer Richtung Osten. Bei Brest erreicht man die E50 oder E60 und es stellt sich erneut die Frage nach Paris. Zwei Mal kann man die Stadt der Städte kaum passieren und bis nach Deutschland ist die Fahrt noch weit. Oder?
Foto: Leadsatz

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