Über Stock und Stein

Vor dem Serienstart werden Autos auf Herz und Nieren geprüft. Die Abnahmeprozedur bei Volkswagen folgt dabei strengen Regeln. Da macht China keine Ausnahme.

Das asthmatische Tröten der betagten Fahrradhupe gibt das Signal zur Weiterfahrt. Raum für Diskussionen? Keiner. Also gehorcht die gesamte Mannschaft auf das Signal von Jörg Rohrbeck. Auch der Chef-Entwickler des VW-Konzerns, Dr. Ulrich Hackenberg. Immerhin ist bei Erprobungsfahrt der Prototypen des neuen China-Jetta und -Santana ein strammes Programm zu absolvieren. 300 Kilometer geht es durch das Hinterland von Chengdu, der Heimat der Pandabären. Das Fahrprofil ist dabei typisch chinesisch: Autobahn, Landstraße, kleinere Straßen, die Dörfer miteinander verbinden. Gerade letztere stellen die Qualität der neuen VW-Limousinen Jetta und Santana auf eine harte Probe. Ohne Vorwarnung endet der Asphalt und hinterlässt eine hohe Kante, wie man es in Deutschland nur von intensiven Straßenbauarbeiten kennt. Von den tiefen Schlaglöchern ganz zu schweigen. Dann schlagen schon mal Stoßdämpfer ganz durch und die Verwindungssteifigkeit der Karosserien wird getestet.

Automatik statt DSG

Aber genau das ist gewollt. Schließlich sollen die Autos Einstiegsmodelle sein und da ist eine Alltagstauglichkeit gefragt, die jenseits der lichtglänzenden Metropolen zuverlässig funktioniert. Das bedeutet auch, dass die Motoren mit unterschiedlichen Benzin-Qualitäten fertig werden müssen. Deswegen kommen in den Autos hauptsächlich Saugmotoren zum Einsatz. Die TSI-Aggregate sollen später folgen. Ober-Tester-Hackenberg findet noch Fehler in der Abstimmung: \"Im Leerlauf schüttelt der Motor noch ein bisschen und das Automatikgetriebe muss besser abgestimmt werden\", diktiert der VW-Entwicklungsvorstand dem Leiter Produktentwicklung von Shanghai Volkswagen Frank Bekemeier in das Lastenheft. \"Die Sitze sind gut.\"

Die Sensorik des erfahrenen Technikers gibt die richtige Rückmeldung. Die Sechsgangwandler-Automatik bemüht sich das müde Temperament des 110-PS-Saugers zu kompensieren und schaltet fleißig hin und her. Doppelkupplungsgetriebe sind in China nicht so beliebt, wie hierzulande. Also kommen die bewährte Automatik und die Fünfgang-Handschaltung zunächst zum Einsatz. Die Abstimmung der Fahrzeuge ist ebenfalls anders. Nicht europäisch straff, sondern asiatisch komfortabel. So werden auch die schlechten Straßenverhältnisse kompensiert. Die negative Seite der Abfederungs-Medaille ist die deutliche Wankneigung der Fahrzeuge.

Lokale Bedürfnisse

Damit die Prototypen nicht erkannt werden und frühzeitig Fotos, die das Design verraten, verbreitet werden, sind die Front und das Heck bei allen sechs Autos identisch. Obwohl jeweils drei Jettas und drei Santanas unterwegs sind. Der Kennerblick verrät: verläuft die seitliche Falzlinie durch die Türgriffe, handelt es sich um den Nachfolger des Jetta, liegen die Klinken darunter, ist es der Santana. Während der gesamten Probefahrt gelten strenge Regeln. Überholen ist verboten und wer seinen Hintermann beim Abbiegen verliert, muss dreißig Euro in die Projektkasse zahlen. Damit die Kolonne zusammenbleibt, begleitet eine Polizeieskorte die sechs Fahrzeuge. Immer wieder werden Stopps eingelegt, in denen Dr. Hackenberg seine Anmerkungen mit den Technikern bespricht. Mal geht es um Abdeckungen an der A-Säule, mal um Fahrwerksabstimmungen oder um Materialprobleme bei Zulieferteilen, die der Entwicklungsvorstand bemängelt.

Bis zum Beginn der Serienproduktion werden die Autos aufgrund der Testergebnisse laufend verbessert. Alle zwei bis drei Wochen gibt es eine neue Ausbaustufe, in die die Verbesserungen einfließen. Da der Jetta schon im Herbst beim Händler stehen soll, drängt die Zeit. Da helfen kurze Wege. Seit 2007 läuft der Jetta in Chengdu vom Band. Da 80 Prozent der Teile aus dem direkten Umland kommen, ist eine schnelle Umsetzung des Abnahme-Lastenhefts garantiert. Das Werk im Süden Chinas ist das weltweit größte VW-Presswerk. Momentan sind drei Linien aktiv, ist der Ausbau beendet, werden es fünf sein. Die Produktion und die Prozesse entsprechen dem europäischen Standard. Doch dem strengen Auge des Vorstands entgeht nichts. Beim Rundgang durch die Fabrikhallen, greift Dr. Hackenberg in Kisten prüft Grate und Materialbeschaffenheit der Teile und erklärt augenzwinkernd: \"Der eine oder andere Grat ist schon noch da\". Wieder ein Punkt mehr im Lastenheft, der abgearbeitet werden muss.