Globale Bindungen

In China tobt ein Kampf um die besten Mitarbeiter. Um sich die Dienste der begehrten Arbeitnehmer zu sichern, werden alle Register gezogen …

Die Szenerie in der Kantine eines deutschen Zulieferers in China ist auf dem ersten Blick nicht ungewöhnlich. Da sitzen Pärchen an Einzeltischen und unterhalten sich. Doch eine echte Vertrautheit mag nicht aufkommen. Das liegt daran, dass sich die Menschen oftmals zum ersten Mal sehen und hier auf Dating-Tour sind. Die Zusammenkunft ist geplant. Abteilungen mit Männer-Überschuss und solche, bei denen die Frauen in der Überzahl sind, wurden bewusst zu dieser Kennenlern-Party eingeladen. Im Falle einer Beziehung steigt Verbundenheit zum beiderseitigen Arbeitnehmer.

Alle Register werden gezogen

\"Eine ehrliche Loyalität zu generieren, ist entscheidend für den langfristigen unternehmerischen Erfolg\", sagt Garnet Kasperk vom Center for International Automobile Management (CIAM) der RWTH Aachen. Dennoch stellen die Analysten von Roland Berger eine hohe Arbeitskräfte-Fluktuation fest. Die Auswirkungen der chinesischen Ein-Kind-Politik, die seit 1978 den Nachwuchs begrenzt verschärft die Situation nur noch. \"Die Situation auf dem chinesischen Arbeitsmarkt gleicht zunehmend einem Flaschenhals\", sagt Charles-Edouard Bouée von Roland Roland Berger Strategy Consultants. Die mangelnde Loyalität der Mitarbeiter verschärft dieses Problem noch. Bietet ein anderes Unternehmen mehr, springen die teuer ausgebildeten Chinesen ab. Jeder Manager, der das Unternehmen verlässt, kostet etwa 100.000 Euro. Bei Automobilverkäufern und Facharbeitern dürfte sich der finanzielle Verlust im Rahmen halten, aber entscheidend ist das Knowhow, das die Mitarbeiter mitnehmen.

Dabei etablieren sich zunehmend staatliche chinesische Unternehmen als ernstzunehmende Widersacher für Mercedes, Audi, VW Bosch & Co. Die lokale Konkurrenz lockt die Top-Arbeitskräfte mit Zugaben, wie Wohnungen auf der Luxus-Tourismusinsel Hainan. Ein Weg, dies zu kontern, ist eine frühzeitige Akquise der Top-Absolventen bei den bekannten Universitäten wie Tongij, Chengdu, oder Tjanjin. Bei zweimal im Jahr stattfindenden Rekrutierungsmessen wird über die Erwartungen der deutschen Hersteller gesprochen und Kontakte geknüpft.

Umfassende Betreuung

Ganz wird man das chinesische Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel nicht beenden können. Da die Karrierepfade der Top-Talente immer mehr den europäischen Führungskräften gleichen. Das heißt: Am Beginn eines Berufslebens steht alle drei Jahre ein Wechsel an. Die deutschen Automobilbauer sind nach eigenem Bekunden von dieser Abwanderung bisher verschont geblieben. \"Wir agieren in China in einem sehr wettbewerbsintensiven Arbeitsmarkt. Hier stehen wir nicht nur in Konkurrenz mit internationalen Konzernen, sondern ebenso mit großen und erfolgreichen chinesischen Unternehmen wie Großbanken oder lokalen IT- und Elektronikfirmen. Dennoch liegt die Fluktuation bei unseren Mitarbeitern mit drei Prozent im niedrigen einstelligen Prozentbereich und damit deutlich unter Industriedurchschnitt\", freut sich der Personalleiter von Audi China Jürgen Frank. Auch VW-Entwicklungsvorstand Dr. Ulrich Hackenberg stellt eine überdurchschnittliche Loyalität fest: \"Volkswagen ist in China als guter Arbeitgeber bekannt. Die Menschen freuen sich, wenn Sie hier arbeiten können.\"

Ein Grund für diese erfreuliche Bilanz ist die umfassende Betreuung der Arbeitnehmer durch die deutschen Hersteller. In den Kantinen gibt es mehrere Mahlzeiten, die die Familie gemeinsam einnehmen können, die Unternehmen veranstalten Feste in Sportstätten, um als Familien-Ersatz zu fungieren. Die Fortbildungsmaßnahmen sind größtenteils dem deutschen Standard angepasst. \"Auch außerhalb des Tagesgeschäfts bietet Audi seinen Mitarbeitern Zusatzleistungen, wie zum Beispiel die in China beliebten Familientage sowie kostenfreie jährliche Gesundheitstests und Mitgliedschaften in Fitness-Clubs\" sagt Jürgen Frank.

Der Kampf um die Arbeitskraft-Talente bekommt zunehmend eine globale Dimension. China ist als Arbeitsplatz derzeit so attraktiv, dass sich Manager aus Portugal, Griechenland und anderen europäischen Ländern aktiv bewerben. Zumal der der Lohnvorteil Chinas zunehmend schwindet. Inzwischen verdienen die chinesischen Top-Manager genauso viel wie Ihre deutschen Kollegen. Auch beim Rest der lokalen Belegschaft wird die Lohntüte zunehmend dicker.