Harte Bandagen

Russland boomt. Die deutschen Autobauer verzeichnen satte Zuwächse. Doch hinter den Kulissen gärt ist gewaltig. Stein des Anstoßes ist ein Gesetz, das ausländischen Automobilhersteller eine Mindestproduktions-Kapazität vorschreibt. Doch eine Ausnahmeregelung für BMW in der Sonderwirtschaftszone um Kaliningrad sorgt für Unmut. Sogar der russische Präsident Putin wurde schon eingeschaltet.

Eigentlich ist die Ansage eindeutig: Gemäß dem Dekret 166 müssen ausländische Autobauer Produktionskapazitäten für mindestens 300.000 Fahrzeuge pro Jahr in Russland installieren, 30 Prozent dieser Fahrzeuge mit russischen Motoren beziehungsweise Getrieben ausstatten und eine lokale Wertschöpfung von mindestens 60 Prozent erreichen, um in den Genuss von günstigeren Importzöllen zu kommen.

Auch GM investiert

Für VW gibt es da keinen Raum für Interpretationen. Alleine in Kaluga rollen jährlich 225.000 Fahrzeuge vom Band. Anlässlich der Moskauer Motorshow wurde jetzt ein Abkommen über ein Motorenwerk unterzeichnet: Ab 2015 sollen 600 topmoderne 1,6-Liter-TSI-Aggregate des Typs EA 211 dazu kommen. Weitere Derivate sind nicht ausgeschlossen. Kosten: Rund 250 Millionen Euro. Damit ist die Investitionslust der Wolfsburger noch längst nicht gestillt. Auch das Werk Nizhnij Novgorod steht auf dem Budgetplan. Der Skoda Yeti wird dort bereits vom russischen Autobauer GAZ im VW-Auftrag gefertigt. Im nächsten Jahr sollen dann der VW Jetta und der neue Skoda Octavia vom Band rollen. Läuft alles, wie geplant, sollen insgesamt es 132.000 Fahrzeuge sein und damit wäre die vorgeschriebene 300.000er-Hürde locker genommen.

Daimler verbündet sich ebenfalls mit GAZ und will in Novgorod den Kleintransporter Sprinter bauen. Dafür nehmen die Schwaben 100 Millionen Euro in die Hand. Für Opel und GM ist diese Zahl ebenfalls kein Problem. GM will bis 2018 rund eine Milliarde Dollar in die Produktion in Sankt Petersburg investieren, die GM als Joint Venture zusammen mit dem Partner AvtoVAZ betreibt. Die GM-Jahresproduktion soll auf 230.000 steigen und die von GM-AvtoVAZ auf 120.000 Automobile anwachsen. Neben GM-Modellen sollen dort auch die neue Astra Limousine gebaut werden.

BMW fertigt seit 1999

Auch Audi will ab Mitte 2013 eine lokale Fertigung in Kaluga aufbauen. Zunächst sind 10.000 Einheiten pro Jahr geplant, später soll auch diese Zahl steigen. Selbst für die kränkelnde Tochter Seat denken die VW-Bosse über eine Fertigung in Putins Reich nach. Da ist es kein Wunder, dass die vermeintliche Extra-Wurst BMWs in der Sonderwirtschaftszone Kaliningrad den Wolfsburgern ein Dorn im Auge ist. Obwohl die Münchner mit rund 30.000 Autos im Jahr logischerweise nicht schaffen, müssen sie trotzdem nicht den vollen Einfuhrzollsatz berappen. \"Das ist nicht tolerierbar\", wettert VW-Russlandchef Marcus Osegowitsch, der auch Präsident Putin persönlich über diesen Sachverhalt informiert hat und vehement eine Gleichbehandlung aller Automobilhersteller fordert.

Diese Attacke prallt an den Münchnern ab. Sie verweisen darauf, dass sie seit 1999 in Kaliningrad vertreten sind. Der Sonderstatus der westrussischen Stadt besteht noch bis 2016. Nach eigenen Angaben ist BMW bereits in Verhandlungen mit der Putin-Administration, um eine neue Definition des Status beziehungsweise der Importzölle ab diesem Zeitpunkt zu erreichen. Immerhin sind die Münchener laut BMW-Russlandchef Peter Kronschnabl, bislang der einzige Premiumhersteller, der in Russland produziert. Auch wenn es sich nur um eine Montage und keine Voll-Fertigung handelt. Über den Inhalt der Verhandlungen schweigen sich die Münchner aus. Doch es ist zu vermuten, dass auch sie zu einer höheren lokalen Fertigungstiefe verdonnert werden.