Solider Schrittmacher

Volkswagen präsentiert den neuen Golf und feiert dabei sich selbst und vor allem das Auto. Nicht ohne Grund.

Die gute Nachricht zuerst: Am Lenkradverstellhebel klappert und scheppert nichts. Damit war VW-Chef Martin Winterkorn zufrieden und auch Designer Klaus Bischoff, beide Hauptdarsteller in einem unfreiwilligen Werbespot für den Hyundai i30, konnte sich entspannt zurücklehnen. Doch das geräuschlose Arretieren des Lenkrads ist nur ein Aspekt bei der Premiere des neuen Golfs. \"Der neue Golf gibt die Richtung vor. Für die Zukunft der Marke Volkswagen, für die Zukunft des Autos und für die Zukunft des Industriestandortes Europa\", brachte Volkswagen-Konzernlenker Martin Winterkorn die Bedeutung der siebten Generation auf den Punkt. Der Kompaktwagen ist nicht mehr und nicht weniger als das wichtigste Auto von Europas größten Autobauer. Er entscheidet maßgeblich mit, ob den Wolfsburgern bis 2018 der geplante Sprung an die Tabellenspitze der automobilen Weltliga gelingt.

Solides Design

Der Ort der Präsentation des deutschen Spielmachers war imageträchtig gewählt. Die Neue Nationalgalerie im Herzen Berlins, gestaltet vom berühmten Architekten Mies van der Rohe, der bekannt ist für seine klaren Linien, bildete den passenden Rahmen für die Geburtstagsparty des neuen Golf. Unter den etwa 800 Gratulanten waren Konzernpatriach Ferdinand Piech, Berlins regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, Hollywood-Kraftprotz Ralf Möller und die Musiker von Yellow. Zu den sphärischen Klängen der Schweizer Kultband rollte der Hoffnungsträger nach knapp einer Stunde voller Erklärungen und Ankündigungen auf die Bühne.

Das Aussehen ist keine Überraschung. Einmal Golf, immer Golf. Das Design des \"Schrittmachers einer ganzen Branche\" (Winterkorn) wurde evolutionär aber nicht revolutionär weiterentwickelt. Für VW-Chefdesigner Walter da Silva lautete die Maxime \"etwas aufzugreifen, ohne sich zu wiederholen\". Das ist zweifelsohne gelungen. Der Golf ist sofort als solcher zu erkennen, steht aber straffer, sportlicher und einfach frischer da. Das liegt an dem um 5,9 Zentimeter längeren Radstand, an der Tatsache, dass die Vorderachse um 4,3 Zentimeter nach vorne gerutscht ist und daran, dass das Auto jetzt 2,8 Zentimeter niedriger 13 Millimeter breiter wurde und 5,6 Zentimeter länger wurde.

Erste Sitzprobe

Die größeren Abmessungen machen sich auch im Innenraum bemerkbar. Im Fond ist deutlich mehr Platz. Nun ist der Kompaktwagen auch für große Menschen noch langstreckentauglicher. Der Kofferraum wuchs um 30 Liter auf 380 Liter. Was die stressgeplagte Hausfrau freuen dürfte: Die Ladekante ist auch niedriger als beim Vorgänger und nur noch 66,5 Zentimeter hoch. Das ist in Ordnung, auch wenn man das Gepäck erst über einen kleinen Absatz hieven muss. Legt man die Rückbank und die Beifahrersitzlehne um, entsteht ein fast ebener Ladeboden mit einer Länge von 2,41 Meter. Das berühmte schwedische Regalmaß ist damit deutlich überschritten.

Bei der ersten Sitzprobe im neuen Star der Kompaktklasse, denn das wird der neue Golf auch wieder werden, fällt die übersichtliche Bedienung auf. Das Cockpit ist in bester BMW-Manier Richtung Fahrer geneigt und jeder Schalter ist dort, wo man ihn vermutet. Nur der Tempomat ist jetzt in die Lenkradfernbedienung gewandert. Der große (aufpreispflichtige) Touchscreen lässt iPhone-Wisch-Afficionados jubeln und macht die Handhabung noch einen Schuss intuitiver. Kleine Schwächen erlaubt sich auch der Golf. Die Drehknöpfe sind solide, rasten aber nicht so satt ein, wie beim Audi A3 und im Motorraum findet man hinter dem Scheinwerfer ein scharfkantiges Plastikteil. Schön, dass auch der Klassenprimus nicht bei allem den Maßstab setzt.