Zielobjekt Quattro

So groß der eigene Erfolg auch ist: BMW schaut Woche für Woche mit kritischem Blick Richtung Norden nach Ingolstadt. Besonders auf die Quattro-Allrad-Idee war man lange neidisch. Mittlerweile gehen die Münchner ähnliche Wege.

Einst war das Erfolgskonzept eines BMW denkbar einfach. Reihenmotor vorn und Antriebsachse hinten. Modelle wie der kernige BMW 02er, die erste 3er-Generation des E21 oder der coole E12 sind heute längst Klassiker - mit ähnlichem Konzept. Bei Audi sah das Ganze anders aus. Die Marke mit den vier Ringen war in der 70er Jahren etwas für Langeweiler an Dynamik nicht zu denken. Egal ob Beamto-Mobil Audi 80, der aufstrebende Audi 100 oder gar der Polo-Zwilling Audi 50 - Trendfahrzeuge sahen anders aus und fuhren in einer anderen Liga. Wer sportlich sein wollte, bewegte einen BMW, wer repräsentieren wollte, einen Mercedes-Benz. Irgendwo dazwischen Opel, Volkswagen und Ford. Seit Anfang der 80er Jahre wurde Audi mit grandiosem Aufwand an Technologie, Willen und Marketing umgekrempelt. Einer der wichtigsten Bausteine des Erfolges wurde der Quattro-Antrieb. Auf der einen Seite glichen die Ingolstädter den Vortriebs- und Fahrdynamiknachteil aus, indem auch die Hinterachse angetrieben wurde. Auf der anderen Seite wurden nicht nur in der Rallye-Weltmeisterschaft gigantische Erfolge gefeiert - Dank 4x4-Antrieb Marke Audi. Die Welt vernahm früher oder später den Namen \"Quattro\" - und dann kam Audi.

Hinterrad war gestern

Lange Jahre wurde dies in München mit Argwohn beäugt. Die gewohnt technikverliebten und in der Regel wenig reflexionsfreudigen BMW-Ingenieure rümpften ob der angetriebenen Audi-Hilfsachse die Nase, auch wenn mit dem BMW 325 ix in der zweiten Hälfte der 80er Jahre ein erster zaghafter 4x4-Vorstoß gewagt wurde. Mittlerweile sind nicht nur die SUV von BMW Massenmodell. X1, X3, X5 und X6 sind weltweit Bestseller. Ein neuer X5 kommt im Herbst und neue Modelle wie der BMW X4 stehen in den Startlöchern oder warten wie der Groß-SUV X8 aufgrund des zunehmenden Marktdrucks nur noch auf ein grünes Signal vom Petuelring.

Doch BMW, das ehemalige Hersteller-Synonym für Hinterradantrieb, weicht sein Image nicht nur durch fragwürdige Frontantriebstendenzen wie beim nächsten 1er oder dem 2014 auf den Markt kommenden Tourer auf. Insbesondere Allradmodelle geben dem oberbayrischen Produktportfolio mittlerweile eine völlig andere Note. 1er, 3er, 4er, 5er, 6er und 7er - alle gibt es auch mit dem Allradantrieb, dem beauftragte Marketingstrategen vor Jahren den Begriff \"xDrive\" zuwiesen. Schließlich galt es dem prächtig verbreiteten Namen \"Quattro\" auch n Marketing und Markenauftritt Paroli zu bieten. Fast 60 Modelle der Bayern sind mittlerweile mit Allradantrieb zu bekommen. Längst bleibt es nicht bei der Kernmarke BMW selbst. Nach Paceman und Countryman wird auch die Anfang 2014 auf den Markt kommende nächste Mini-Generation, auf der UKL-Plattform des nächsten 1ers basierend, optional mit 4x4-Technik zu bekommen sein. Zukünftige Rolls-Royce-Generationen haben den xDrive in den Genen, denn der mächtige Erfolg der Volkswagen-Edeltochter Bentley, die durchweg auf 4x4 setzt schmerzt in München und Goodwood gleichermaßen.

Auch die weich gespülten M-Performance-Versionen der M-GmbH namens M 135i xDrive und M 550d xDrive gibt es mit Allradtechnik. Kaum vorstellbar, dass die Nachfolgemodelle von BMW M5 / M6 auf Allrad nochmals verzichten können. Gerade erst haben Audis Quattro-GmbH mit dem RS7 und Mercedes AMG mit dem beeindruckend souveränen Mercedes E 63 AMG S hier eindrucksvoll auf allen vieren nachgelegt. Besonders der bayrischen Sechser-Reihe kommt im Konter eine zentrale Bedeutung zu. Hier macht sich auch der schmerzliche Gewichtsnachteil der 4x4-Technik kaum bemerkbar. Der Sechser hat, egal ob Coupé, Cabrio oder als besonders schickes Gran Coupé mit vier Türen, sowieso mächtig Übergewicht - 150 bis 200 Kilogramm allemal. Da scheinen die 80 Kilogramm Allrad-Annex vor dem Traktions- und Imagevorteil gut angelegt. Zudem schaut die Konkurrenz mit Mercedes CLS / CL / S-Klasse Coupé, Porsche Panamera oder Audi S7 / RS7 auch nicht auf jedes Gramm. Um die zwei Tonnen Leergewicht ist jeder der Wettbewerber unterwegs. Allradtechnik ist hier an sich ein Muss - gerade auch bei den Topmodellen der Premiumhersteller, die sich auch mit Maserati Gran Coupé oder Bentley Continental GT messen müssen. Bei den Luxuslimousinen hat sich der Allradanrieb sowieso längst durchgesetzt - da machen BMW 7er, Mercedes S-Klasse oder Audi A8 keinen Unterschied zu Maserati Quattroporte, Lexus LS oder endlich auch Jaguar XJ.